(Einen symbolvollen Rück- und Ausblick auf die Folgen wirtschaftlichen Fortschritts für Menschen, Gesellschaft und Umwelt bietet das Stück „paradies fluten“ von Thomas Köck in einer beeindruckenden Inszenierung von Katharina Ramser seit Premiere im Deutschen Theater Göttingen am 17. Februar 2018.)

Der junge Mensch verlässt das Deutsche Theater mit einem nicht wirklich guten Gefühl. Er kann nichts dafür, hat keine Schuld und kann es im Rahmen seiner Möglichkeiten auch nicht ändern, zumindest nicht in dem Maße, wie es die Globalisierung fordert. Wir sind scheinbar machtlos. Hier war es mal, wie man sich ein Paradies vorstellt - nun folgt nur noch die langsam sich uns nähernde Flut. Eine Flut, ihr Gewicht wird uns zerquetschen.

Ein Vorgeschmack waren die Materialfluten in Katharina Ramsers Inszenierung von Thomas Köcks verirrter Sinfonie „paradies fluten“: Wenn fünf Schauspielende in Fluggurten über einem Klangteppich hängen; wenn sechs Schauspielende mit dekadentem Haarschmuck und mal übertriebenen Schultern, mal kindlicher Schlankheit die gute wirtschaftliche Situation im „goldenen Zeitalter“ beschreiben; wenn fünf mit Dreck beschmutzte Menschen in Anzug Geschichten von EntdeckerInnen erzählen; wenn eine junge Breakdance-Künstlerin (Dorothée Neff) wild auf der Bühne tanzt und ihre Stimme dabei ziemlich aktuelle und erschreckende Nachrichten vorträgt, während immer wieder ihre unsichere und aussichtslose Situation erklärt wird; wenn all dies den jungen Menschen - in einer abwechslungsreichen und recht gewagten Inszenierung mit vielseitigen Kostümen von Stefani Klie - bedrückend in den Stuhl des Theaters drängt, wird ihm deutlich, dass einige wenige durch eine Ausbeutung von Menschen und natürlichen Ressourcen so profitieren, wie es die Kautschukbarone in Brasilien taten (sie errichteten sich 1896 zu ihrer Erinnerung eine Oper in Manaus), dadurch aber einem Großteil der Weltbevölkerung eher geschadet wird. Ihm wird ein Nutzen durch den Kautschuk versprochen, der junge Familienvater (Florian Eppinger) ist stolz, endlich selbstständig zu sein und in seiner KFZ-Werkstatt Autoreifen, ein Kautschukprodukt, zu verkaufen, die Gesellschaft freut sich über den größeren Wohlstand, den sich aus dem Kautschuk gewinnen können, so wie ihnen technische Geräte und Autos als Statussymbole dienen. Es profitieren nur die, die Produkte bewerben und verkaufen, nachdem sie andere zur Produktion der Produkte gebraucht haben, meist zum Schaden der Umwelt.

Diese Umwelt ist aber sowieso nicht mehr für eine Lange Zeit bestimmt. Gerd Zinck und Nikolaus Kühn wissen sehr überzeugend als Hobbywissenschaftler zu vermitteln, wann die Apokalypse kommt, wann unsere Sonne stirbt. Als letzte Menschen sind sie jedoch darauf vorbereitet. Ihre Erläuterungen und spätere Unterhaltung aus ihrer Klimakapsel heraus sind die eine Handlungsebene des Stückes (neben den Kautschukbaronen und der Tragödie der Familie des Mechanikers und seiner tanzenden Tochter). Dabei zeigt sich exemplarisch, wie beeindruckend die Bühnenbildnerin Elisa Alessi mit einfachen Mitteln überwältigende Momente in der erstmaligen Aufführung des Stückes auf einer großen Bühne, schafft. Der Schluss des Stückes ist geprägt von einem Blick in den orangeerleuchteten Innenraum der Klimakapsel hinter einem feinmaschigen, transparenten Vorhang, welcher den vielen Rauch der defekten Kapsel vor einem Austritt aus dieser hin zum Publikum abhält. Zuvor hat Benjamin Kempf in einem Kleid mit vier Meter langer Müllbeutelrobe den Untergang der Welt durch eine Flut beschrieben, auch dies ein Werk Klies - ihr größtes Kleid überhaupt. Von ihr stammt auch das Kleid der Indio-Frau, welche von Marie Seiser gespielt wird und in welchem sie symbolische Tänze vollbringt (Choreografie Valentí Rocamora i Torà). das Kleid, ein fulminantes Spiel unzähliger Holzstreifen in fünf übereinanderliegenden Reihen, die sich bei jedem Schritt Seisers bewegen. Die Holzstreifen finden sich in dieser Handlungsebene auch im Bühnenbild Alessis wieder: 240 von der Decke hängende, unterschiedlich große Holzstreifen in sechs höhenverstellbaren Bahnen führen uns einfach, jedoch anschaulich den Urwald Brasiliens vor Augen.

Insgesamt spart die Inszenierung also nicht an aufwändigen Umsetzungen des Stückes und nutzt die große Bühne vollkommen, vielseitig und abwechslungsreich aus. Durch die sehr gelungene und überzeugende Besetzung ist jede Figur des Stückes in sich schlüssig. Anders ist es mit der Gesamtaussage des Stückes an sich. Der junge Mensch ist verwirrt. Er geht an diesem Abend mit einem gemischten Gefühl aus dem Theater. Ihm wurden aber viele Probleme aufgezeigt, die er durch einen Wandel seines Lebens zwar nicht lösen, dafür aber seine Mitschuld minimieren und ein gutes Vorbild für andere sein kann. Auch wenn ihm das Stück mit aller Deutlichkeit seiner Inszenierung gezeigt hat, dass es irgendwann vorbei sein wird, weiß er nun, dass der Gesellschaft nicht durch Luxusgüter, sondern durch gute Taten, Mitgefühl und einem Einsatz für eine bessere Einbindung aller Menschen geholfen wird. Nicht die Kautschukbarone brauchen eine Oper, die Indios bräuchten eine Stimme. Einem System, das auf Ausbeutung und Profitmaximierung aus ist, möchte der junge Mensch nicht dienen.

paradies fluten
Verirrte Sinfonie von Thomas Köck

Premiere im Deutschen Theater Göttingen
17. Februar 2018

Regie: Katharina Ramser
Dramaturgie: Matthias Heid
Bühne: Elisa Alessi
Kostüme: Stefani Klie
Musik: Michael Frei
Team: Valentí Rocamora i Torà

Mit
Andrea Strube
Florian Donath
Florian Eppinger
Benjamin Kempf
Dorothée Neff
Gerd Zinck
Marco Matthes
Marie Seiser
Nikolaus Kühn
Paul Wenning
Ronny Thalmeyer


Kritik publiziert
Deutsches Theater Göttingen

FREIES VERLAGSHAUS
Göttingen, 2018