"Straßburg, 7. Okt. In Metz wurde vor zwei Jahren ein Oekonomiehandwerker namens August Detzlaff tot in der Mosel aufgefunden. Vorgestern ist nun eine aus Belgien gebürtige Dienstmagd als seine Mörderin verhaftet worden. Sie hatte mit Detzlaff ein Verhältnis, hatte dann aber nichts mehr von ihm wissen wolle und ihn gelegentlich eines Spazierganges, bei dem er ihr wiederholt seine Liebe gestand, in die Mosel gestoßen. Sie gestand diese That einem Oberlazarettgehülfen, der daraufhin ihre Verhaftung veranlaßte."

Kölnische Zeitung, Abend-Ausgabe, 8. Oktober 1898.

Kann denn Liebe Sünde sein? Ich glaube nicht, oder? Ich glaube aber, dass aus Liebe eine Sünde resultieren, also irgendwie hervorgerufen werden kann. Ich komme auf diese Vermutung, da ich selbst entfernt mit dieser Sünde in Berührung gekommen bin. Davon möchte ich hier einmal berichten. Dieser Bericht ist aber - das möchte ich hier noch betonen - nicht sachlich wie ein Polizeibericht, vielmehr ziemlich emotional und subjektiv.

Die Hauptdarstellerin ist die sehr hübsche Anne Bragiere. Fräulein Bragiere ist ziemlich intelligent, sie liest viel, überwiegend auf niederländisch, viel auf französisch und gelegentlich auch mal ein paar schöne Texte auf deutsch. Sie kommt aus Belgien, wohnte dort in einem kleinen französischklingenden Dorf an der niederländischen Grenze, wodurch sie mit dem Niederländischen groß geworden ist. Französisch beherrscht sie durch ihre Mutter, einer edlen Dame aus Paris - von ihr hat sie den wohlklingenden Namen bekommen. Fräulein Bragiere lebt nun seit zwei Jahren in Metz, weshalb sie nur noch ab und zu in ihrem alten Heimatdort wohnt. Ihr neues Zuhause ist nun eine kleine Wohnung in einem Altstadtbau nahe der Kathedrale von Metz. Die Wohnung gehört ihr, ein Erbe eines Onkels ihres Vaters - in seinem letzten Willen hat er seine Wohnungen an alle Nachfahren seiner Familie vermacht. Leider wohnt Fräulein Bragiere nur recht wenig in dieser schön eingerichteten Wohnung, denn meist übernachtet sie in einem kleinen Zimmer bei ihrem Arbeitgeber, wo sie im Haushalt hilft und auf die Kinder Acht gibt.

So ist es dort aber zur Routine geworden, dass sie jeden Abend - au1er die Eltern der Kinder gehen mal wieder aus - frei bekommt und zu ihrer Wohnung gehen darf, oder in ein Café, oder wenn das Geld mal da ist, dann auch ins Theater. Da dies meist nicht der Fall ist und sie auch ungern die wenigen freien Stunden ihres Tages auch noch in einem Haus verbringen möchte, geht Fräulein Bragiere in der Regel einfach zum Deutschen Tor, setzt sich dort an das Ufer des Flusses und liest gelegentlich eines ihrer Bücher. Nach ein paar Wochen geht sie etwas weiter um die Ecke, wo sie sich dann immer auf eine Bank am Teufelsturm setzt. Dort kann sie sehen, wie sich die beiden Flüsse mischen, dort kann sie für Stunden, bis auch das letzte Sonnenlicht verschwunden ist, in die Ferne schauen. Diese Ferne, wenn es doch auch nur ein Fluss ist, erinnert sie an ihr Dorf, an die Nordsee, die Deiche und die vielen kleinen Kanäle, mit denen sie aufgewachsen ist. Obwohl sie an solchen Abenden häufig ziemlich melancholisch wird, kommt sie doch bei jeder Gelegenheit an diesen Ort zurück, auch dann wenn sich sonst nur recht wenige Menschen vor ihre Haustüren trauen.

So ein Abend war auch ihr erster. Als Fräulein Bragiere um die Ecke ging, um zu ihrer Bank zu gelangen, erschrak sie förmlich, denn sie hätte nicht erwartet, einen anderen Menschen bei diesem Wetter draußen in der Kälte und dem ungebremst niederströmenden Regen vor der Tür einer warmen Wohnung zu treffen. Als der Mann, er war groß, trug einen längeren Mantel und einen Hut - neben ihm lehnte ein Schirm an der Bank -, als dieser Mann nun die Dame bemerkte, bat er sie, sich zu ihm zu setzen. Er wischte mit seinem ohnehin schon völlig nassen Ärmel über die Bretter der Bank. Fräulein Bragiere war zwar etwas verunsichert, doch sie setzte sich neben den Mann. Er stellte sich recht höflich vor und gab ihr dafür sogar seine Hand. Er hieß August Detzlaff und sprach dabei ein etwas gebrochenes und hartes Französisch. Als Monsieur Detzlaff die Hand des Fräuleins berührte, wunderte er sich, wie kalt sie war. Als er dabei jedoch ihre Hand etwas länger hielt, löste Fräulein Bragiere ihre Hand und steckte sie zurück in ihren Mantel. Monsieur Detzlaff nahm auch seine Hand zurück. Beide betrachteten nun etwas verstört das Wasser und die darauf fallenden Tropfen des Regens. Nach einiger Zeit der Stille drehte sich der Herr zu ihr und - ja, trotz seiner leisen und zittrigen Stimme - entschuldigte sich bei ihr. Sie antwortete ihm nicht sofort, nach ein paar Augenblicken streichte sie ihm über den Oberarm und seine Schulter. Da begann Monsieur Detzlaff zu berichten und zu erzählen.

Er sei gerade sehr verwirrt und irgendwie auch traurig. Herr Detzlaff ist eigentlich ein gelernter Schneider - er war sogar für zwei Jahre in Hamburg, wo er eher durch einen Zufall bei einer Stabschirmmanufaktur gearbeitet hat. Nun kam jedoch ein Brief aus Straßburg. Monsieur Detzlaff sollte zum nächstmöglichen Termin zur entsprechenden Behörde gehen und sich zum Militärdienst melden. Er sollte zwar wohl nicht an der Waffe dienen, doch für die Armee, besonders das Heer als Schneider arbeiten. Das brachte Monsieur Detzlaff aber zur Verzweiflung. Er. Beim Militär? Monsieur Detzlaff fing leicht an zu weinen, Fräulein Bragiere legte daraufhin ihren Arm leicht auf seine Schultern - er schaute etwas auf, blickte nicht mehr auf seinen Schirm, sondern zuerst auf das leicht lächelnde Gesicht der Dame und dann wieder in die Ferne des Flusses. Er wollte nicht zum Militär. Sein Vater ist gefallen, er hat ihn nie wirklich kennengelernt. In den Jahren seines Lebens hat er den Frieden zu schätzen gelernt, er4 hat sich immer gewehrt, zum Militär zu gehen - auch wenn er den Schnitt der Uniformen sehr mag - er wollte nie eine solche tragen. Nun soll er sie aber herstellen. Als Soldat. Zwar ohne Waffe, aber... Monsieur Detzlaff hielt inne. Er schaute weiter in die Ferne, doch wendete sich dann zu Fräulein Bragiere. Er wisse zwar nicht, wieso er ihr das erzähle, aber er sei ihr so dankbar, dass sie bei ihm ist. Sie lächelte etwas mehr, legte auch den anderen Arm um ihn und umarmte ihn somit gänzlich. Er begann zu weinen und umarmte sie ebenso, zwar war das ziemlich eng und somit schon etwas zu nah für die sonst eher distanzierte Fräulein Bragiere, aber irgendwie war sie auch recht froh, dass sie für ihn da sein konnte und ihm somit auch helfen konnte. Außerdem war sie auch von seinen Gedanken berührt, besonders fast schon begeistert von diesem Pazifismus, von dieser überzeugten Ablehnung des Militärs, die ihr Monsieur Detzlaff darstellte. Sie saßen so nun für einige Zeit auf der Bank. Irgendwann löste sich Monsieur Detzlaff von ihr und hielt sie nur bei ihrer Hand. Dies störte jedoch Fräulein Bragiere, was er zum Glück auch schnell bemerkte. Sie hatte bisher recht wenig gesagt, da sie seit seinen Worten in ihren Gedanken versunken war. Dann begann sie auf einmal ihm in ihr ziemlich ungewöhnlicher Art und Weise von ihrer moralischen Ablehnung von Gewalt und Krieg zu erzählen. Er stimmte ihr in beinahe allen Punkten zu. Nachdem die beiden recht lang - bestimmt eine Stunde, vielleicht auch etwas länger - auf der Bank saßen, über dies und das sprachen, verabredeten sie sich für den kommende Mittwoch, eventuell war es auch ein Dienstag, im Café. Sie verabschiedeten sich mit einer Umarmung und gingen ab dem Deutschen Tor in unterschiedliche Straßen. Nach ein paar Metern lächelte Fräulein Bragiere für den Rest ihres Weges bis zum Haus ihrer Familie, wo sie arbeitete. Dort nahm sie sich wieder etwas zusammen um irgendwelchen nervigen Fragen zu entgehen. Sie schlief schnell und glücklich auf ihrer Kammer ein, die Kinder waren auch schon im Bett. Ähnlich glücklich war Fräulein Bragiere auch nach ihrem Treffen im Café, als sie sich zurück erinnerte, da fiel ihr auf, dass sie eigentlich - bis auf in ihrer Zeit im Dorf - nie so fröhlich war, wie an diesen Tagen. Sie war zufrieden, sie waren zufrieden. Bei ihren immer häufiger werdenden Treffen unterhielten sie sich, freuten sie sich, irgendwie kamen sie sich immer näher. Doch: Es wurde anders.

Monsieur Detzlaff fand lange keinen Entschluss, wie er mit dem Brief der Behörde umgehen sollte. Sie waren sich zwar einig, dass es unmoralisch wäre, folge zu leisten, aber ein genaues Vorgehen konnten sie trotz der vielen Stunden, die sie über das Thema sprachen, nie vereinbaren. Leider trübten ein paar Zweifel die Stimmung Fräulein Bragieres. Ihr ging das doch irgendwie etwas zu schnell. Natürlich war sie sehr glücklich damit, jeden Nachmittag Begleitung und Gesellschaft am Teufelsturm zu haben, auch mal einem Treffen im Café war sie nicht abgeneigt, aber irgendwann kamen immer häufiger Nachfragen von Monsieur Detzlaff nach gemeinsamen Restaurantbesuchen am Abend, er wollte ins Theater, schlug vor, sich auch mal beim ihm treffen zu können. Das war Anne Bragiere zu viel. Sie trafen sich zwei, drei Mal in der Woche am Deutschen Tor, Ende der Woche gelegentlich im Café, alles Weitere lehnte sie zurückhaltend ab. So blieb es für ein paar Wochen. Mehrfach lud er sie in das Operntheater ein, sie mochte nicht oder musste auf die Kinder aufpassen. Monsieur Detzlaff wurde immer melancholischer und verschlossener, Anne Bragiere tat das doch etwas Leid. Sie trafen sich doch mal im Restaurant, sie bat ihn mal in ihre Wohnung, zwei Vorstellungen im Theater besuchten die beiden. Monsieur Detzlaff wurde leider nicht glücklicher. An einem Abend stellte sich am Teufelsturm auf der Bank, wo sie sich zum ersten Mal trafen, auf ihrer Bank heraus, wieso Monsieur Detzlaff so traurig war: Er hat einen zweiten Brief erhalten. Ihm werde rechtlich gedroht. Er sollte sich in den nächsten zehn Tagen bei der zuständigen Behörde melden, sonst enthalte der nächste Brief eine Einladung ins Verwaltungsgericht. Der darauf folgende Tag wäre der zehnte Tag - was sollte er nun tun?

Er hatte sich die letzte Zeit auch auf seiner Arbeit immer über die Situation gedanken gemacht, hatte mit Freunden gesprochen und schon bevor der zweite Brief kam, stand seine Entscheidung eigentlich schon fest. Er trete den Dienst an, er werde zum Oekonomiehandwerker. Er haderte nur noch damit, wie er Anne Bragiere dies beibringen sollte. Er begann also das Gespräch damit, dass er ihr von seiner Entscheidung berichtete und diese begründete, ohne auf ihre Meinung zu warten. Sie war schockiert, war verstört, konnte es nicht glauben und verstummte. So saßen beide auf der Bank, starrten zum Fluss und beobachteten, wie sich die Gewässer vermengten. Irgendwann, so nach 20 Minuten der Stille, fing Anne Bragiere an zu weinen und als Monsieur Detzlaff sie umarmen wollte, drehte sie sich etwas beiseite und zeigte ihm nur die kalte Schulter. Er begab sich auch in seine ursprüngliche Haltung und ignorierte ihr Weinen. Irgendwann schlug sie ihm ins Gesicht, stand auf und ging fort. Sie war sehr enttäuscht, nach ein paar Metern wischte sie sich ihre Tränen weg, doch bis zur Tür der Wohnung ihrer Familie, wo sie arbeitete, hörte sie nicht auf, zu weinen. Sie kam gerade recht, um am Abendbrot teilzunehmen, auch wenn sich alle wunderten, wieso sie denn so früh schon wieder da wäre. Sie sagte, sie müsste noch ein paar Seiten lesen, um sich auf einen kleinen Wettbewerb unter ihren Freundinnen vorzubereiten.

Das war nicht einmal mehr gelogen, denn sie widmete nach diesem Abend immer mehr Zeit ihren anderen Bekannten, ihren Freundinnen, die sie aus anderen Zusammenhängen als ihren Spaziergängen kennengelernt hatte. Monsieur Detzlaff war für Anne gestorben. Er starb wenige Wochen später.

Nach ein paar Tagen lag ein Brief in dem Briefkasten ihrer Wohnung. Er sei ziemlich traurig und würde sich freuen, wenn er sie mal wieder treffen könnte. Anne verbrannte den Brief im Ofen. Drei tage später war ein ähnlicher, viel gefühlvollerer Brief angekommen. Im dritten Brief erklärte er, dass er kommende Woche nach Straßburg reisen werden, eigentlich schon ziehen werden, um dort den Dienst anzutreten und in der Uniformfabrik zu arbeiten. Er würde sich abermals sehr freuen, wenn sie sich vorher nochmal treffen würden. Anne verbrannte den Brief nicht, sondern weinte stattdessen den ganzen Abend und die halbe Nacht. Sie hätte sich gewünscht, er würde doch nicht zum Militär gehen. Wie konnte er denn nur so etwas tun? Am nächsten Abend stand Monsieur Detzlaff vor ihrer Tür. Sie öffnete nicht, sondern schrie ihn an, auf dass er verschwand. Seit dem Tag, wo sie weinend von der Bank weggegangen war, hat sie keinen Spaziergang mehr dorthin gemacht, vielmehr ist sie dann immer nur recht ziellos durch die Straßen von Metz gegangen. Erst etwas mehr als zwei Wochen danach ging sie, nachdem ihr der Familienvater den Ausgang erlaubt hat, zum Teufelsturm. Als sie gerade um die Ecke gehen wollte, kam in ihr die Befürchtung auf, er könnte dort sitzen. Anne schaute etwas um die Ecke, sah dort Monsieur Detzlaff und ging zurück zu ihrer Wohnung. Sie wurde wieder traurig, da konnte auch die bevorstehende Verabredung mit ihren Freundinnen nicht dran ändern.

Sie ging wiederum erst ein paar Tage später Tage später zum Teufelsturm. Als dort Monsieur Detzlaff nicht auf der Bank saß, atmete Anne auf. Sie ging zu der Bank, setzte sich und schaute auf den Fluss, so wie sie es schon so oft getan hatte. Sie schrak aus ihren Gedanken auf, dass sich plötzlich Monsieur Detzlaff neben sie setzte. Sie wollte aufstehen, doch er hielt sie bei ihrem Arm und zog sie zurück auf die Bank. Nachdem er wohl das Gefühl hatte, dass sie nicht wieder aufstehen wollen würde, lies er sie los. So saßen nun beide auf der Bank und schauten wieder so auf den Fluss, wie sie es auch zuvor recht häufig getan hatten. Anne fing an zu weinen. Ihre Erinnerungen an das, was danach geschah sind nur noch sehr schwach. Sicher ist sie sich nur dabei, dass er sich entschuldigt hatte und sagte, dass er sie nicht verletzen oder enttäuschen wollte. Er flehte wohl um Verzeihung und fasste sie bei der Hand. Sie wies ihn ab, er beharrte. Sie schluchzte und hörte nicht mehr auf zu weinen. Als er abermals nach ihrer Hand griff, soweit weiß sie noch, wurde sie irgendwie scheinbar vor etwas so ungewöhnlichem gesteuert, sie ist so lieb und immer freundlich, aber in diesem Moment wurde Anne zutiefst unkontrolliert. Sie weiß nur noch, dass sie den Schirm in der Hand hatte und auf ihrem Kleid Blutflecken waren. Dass sie ihn nahm, ihm sehr nahe kam, was sie ziemlich eklig fand, und ihn zum Ufer zog. Dass sie ihn in die Mosel schubste, dass sie den Schirm und ihr Kleid etwas vom Blut reinigte, dass sie mit Tränen in den Augen zu ihrer Wohnung zurückging, nachdem sie wohl vermutlich noch etwas auf der Bank saß, bis das Kleid wieder ein wenig trockener war. Als sie in ihrer Wohnung ankam, hängte sie den Schirm an ihre Garderobe, wechselte das Kleid und setzte sich danach an ihren Tisch. Anne trinkt nicht häufig Alkohol, an diesem Abend trank sie leider zu viel. Sie ging sehr spät zur Wohnung ihrer Familie. Die Kinder schliefen schon sehr lange.

Als sie mir dies zu Ende erzählt hatte, schaute ich sie noch einen Augenblick länger verständnislos an und dann ging ich. Ich ging. Ich ging, ohne noch einmal zu ihr zu blicken, ohne mich zu verabschieden. Ich war einfach überfordert. Vollkommen überfordert. Wie kann ein Mensch so etwas tun? Mord. Das geht doch nicht.

Anne ist der liebste Mensch den ich je kennengelernt hatte. Wir trafen und vor ein paar Monaten im Café, recht zufällig. Sie ist mir dort am Ufer im Petite France aufgefallen, denn sie las den Schimmelreiter. Trotz deutscher Herrschaft, ist es in Straßburg doch recht ungewöhnlich, dass jemand - außer er arbeitet an der Universität - ein deutsches Buch liest, dann noch eine so neue Novelle von einem Autoren, den ich dann sogar noch zu meinen Lieblingsautoren zählen würde. Ich ging also zu ihr und fragte sie, ob ich kurz stören dürfte, ich erklärte mich und lobte dabei ihren Geschmack. Sie gestand, dass sie die Verschachtelung im Schimmelreiter zwar etwas seltsam fände, aber sie der Text insgesamt bisher stark begeistern würde. Ich holte meinen Kaffee und setzte mich zu ihr. So saßen wir dort und redeten über das Buch und unsere anderen Lieblingsbücher. Anne liest recht viel, meist auf niederländisch oder französisch, ab und zu auch auf deutsch, so wie nun den Schimmelreiter. Ich war davon schon ziemlich angetan. Mein Französisch würde ich als sehr flüssig bezeichnen, Niederländisch kann ich nur grob und langsam beim Lesen verstehen. Wir verstanden uns irgendwie auf Anhieb wirklich eigentlich ganz gut. Ich mochte sie. Sehr. Wir verabredeten uns nach diesem ersten Treffen für den folgenden Tag am Münster, um dann einen Spaziergang durch die Stadt zu machen. Obwohl Anne erst vor ein paar Monaten nach Straßburg gezogen war, machte sie auf mich den Eindruck, als würde sie jeden Tag Stadtführungen anbieten und mir zu jedem Balken jedes Fachwerkhauses die Entstehungsgeschichte und zu jedem Stein des Münsters die Bedeutung erklären können. Ich fand sie unglaublich beeindruckend - ihr Wissen, ihre Intelligenz, diese scheinbare Einfachheit, mit der sie fremde Sprachen spricht. Sie lernt gerade sogar noch Englisch und versucht sich am Spanischen! Ich hatte wirklich das Gefühl, dass ich sie liebte.

Wir trafen uns mehrfach die Woche. Redeten über alles mögliche, am häufigsten über Bücher. Wir gingen ins Theater. Wir saßen nach jeder Vorstellung einige Stunden und hatten am Ende das gesamte Stück so auseinandergenommen, dass der Dichter überrascht gewesen wäre, was man alles in seinem Text lesen kann, dem Regisseur würden vermutlich ganz neue Interpretationen seiner Inszenierung bewusst werden. Bald fanden wir unser Lieblingscafé und saßen dort nach oder vor einem Spaziergang, unterhielten uns, lasen Bücher, Zeitungen oder Zeitschriften, schrieben gemeinsam Texte. Das Café im Krutenau bot uns dafür alles, was wir brauchten. Es bildete sich bald ein kleiner gemeinsamer Kreis von unseren Freundinnen und Freunden, einige studierten deutsche oder französische Literaturwissenschaften, schrieben Bücher, eine schrieb wunderbare Gedichte - ich lernte sie in einer Buchhandlung kennen, während sie dort mit einer vor Ort arbeitenden Freundin von ihr über Klaus Groth redete (ich bin mir sicher, den Herrn kannten nur eine Hand voll Menschen in Straßburg!) Wir hatten alle eine sehr schöne Zeit, gemeinsam waren wir sehr produktiv und alle sehr eng befreundet. Wir haben sogar mal eine große Feier in dem Café, vielmehr auf dem Platz davor veranstaltet, zu der über 60 Menschen kamen! Ich hätte zu dem Zeitpunkt nicht geglaubt, dass ich schon wenige Wochen später Straßburg verlassen und nach Göttingen ziehen würde. Hätte mir das jemand erzählt - ich würde ihn fragen, wieso ich denn dann gehen sollte, wenn ich gerade die schönste Zeit meines Lebens erlebe. Das war die schönste Zeit meines Lebens. Da bin ich mir sicher. Obwohl... vielleicht wird es ja irgendwann mal wieder bunter in meinem Leben. Vielleicht schaffe ich es den dunklen Tunnel, in dem ich gerade irgendwo herumkrieche wieder zu verlassen. Leider habe ich noch kein leuchtendes Ende entdeckt. ich bleibe aber wie immer optimistisch. Es wäre ja auch schade, wenn ich den Optimismus einfach so aufgebe, den ich mir über all die Jahre angearbeitet habe, musste ich auch noch so viel Leid miterleben, wenn Menschen vor meinen eigenen Augen verstorben sind. Mir kamen da schon so meine Fragen auf. Meinen Glauben an Gott habe ich so wie so verloren. Ich war nun auch kurz davor, meinen Glauben an die Menschen zu verlieren. Meinen Glauben an einen Menschen habe ich verloren. Meinen Glauben an Anne habe ich verloren. Wir waren nun seit ein paar Monaten - genauer gesagt seit drei Monaten - so halbwegs ansatzweise zusammen. Da kamen wir bei einem unserer vielen Spaziergänge an dem Ort vorbei, wo wir uns zum ersten Mal getroffen haben. Anne hatte die Idee, dass wir uns ja unten an das Ufer setzen könnten. Ich fand die Idee sehr gut, das Wetter war optimal dafür. Wir gingen also die Treppe nach unten und setzten uns dort ans Ufer, ließen die Beine ins Wasser baumeln. Sie legte ihren Arm um mich. Wir saßen lange dort, ehe ich gegangen bin. Nach einiger Zeit begann sie nämlich zu erzählen. Sie erzählte mir alles. Die gesamte Geschichte ihrer Affäre und des Mordes an Monsieur August Detzlaff. Sie fing damit an, dass sie erzählte, wie sie nach Straßburg kam, dann wie sie Monsieur Detzlaff kennengelernt hatte, wie sie sich aber irgendwann fern von ihm gefühlt hatte und zum Schluss, wie sie ihn tötete, also zumindest, was sie davon noch berichten kann. Ich war wirklich schockiert. Wie konnte denn Anne so etwas schreckliches tun? Sie ist so gebildet, so überlegt und dann tut sie so etwas? Dann ermordet sie einen Menschen, den sie sogar mal geliebt hatte. Wie kann sie so kalt sein und danach keine Reue zeigen? Naja. Es spricht zwar für sie, dass sie es mir erzählte, ich wünsche nur, sie hätte das nie getan. Sie hätte nicht Monsier Detzlaff getötet und es mir vor allem nicht erzählt. Obwohl. Obwohl es ein Zeichen von Ehrlichkeit ist. Ich kann es ihr trotzdem nicht verzeihen. Ich bin von ihr gegangen, habe sie verlassen, so wie mich der Glaube an sie verlassen hat. Ich bin gedankenlos und fassungslos nach Hause gegangen und bin einfach ohne viele Umwege schlafen gegangen. Ich schlief lieber ein, als dass ich weiter über die Sache nachdenken würde. Am nächsten Morgen ging ich nicht zur Arbeit. Ich ging lieber etwas am Fluss entlang, setzte mich bewusst auf eine Bank, wo ich noch nie zuvor, auf jeden Fall noch nie mit Anne saß und versank dort mit nicht wenigen Tränen in meine Gedanken. Kann denn Liebe Sünde sein? Ich glaube kaum. Ich glaube nur, ich wäre kurz davor eine Sünde zu begehen. Ich wäre kurz davor gewesen, Anne die tat zu verzeihen, über die Tat hinwegzusehen, einfach weil ich mir wünschte, dass es mir egal sei, was Anne irgendwann mal vor ein paar Jahren getan hat. Es kann mir einfach nicht egal sein. Es ist mir nicht egal. Als vor vielen Jahren mal eine Bekannte in meinem Nachbardorf ermordet wurde, ermordet von ihrem Freund, da sagte ich mir, dass ich nicht mit Mörderinnen oder Mördern zusammenleben möchte. Das gilt auch noch heute. Meine Anne. ich kann sie und ihre Tat zwar irgendwie etwas verstehen, aber... Mord, Gewalt ist doch so unreflektiert. So. So dumm. So etwas passt nicht zu Anne und einen solchen Fehler von ihr, den kann ich nicht einfach so nicht beachten. Mord. Ich habe den Glauben an meine Anne verloren, für sie - für mich ist sie gestorben. Als ich bemerkte, dass langsam die Sonne unterging, begab ich mich auf den Weg nach Hause. Dort setzte ich mich an meinen Tisch und schrieb alles auf, was ich wusste. Alles was mir Anne erzählt hatte, den Ablauf der Tat, die Hintergründe ihrer Beziehung. Ich hatte mich dazu entschieden, Anne anzuzeigen. Ich war überzeugt, dass mir keine andere Wahl blieb. Dass es das einzige Richtige war, was ich hätte tun können. Ich schrieb den Text zu Ende und brachte ihn am nächsten Tag zur Polizeidirektion. Ich brachte es nicht fertig, meinen ganzen Namen auf das Papier zu schreiben. Ich schrieb ein ganzes Blatt nur mit meinen Argumenten, weshalb Anne nicht allzu schwer verurteilt werden sollte. Trotzdem entschied ich mich am nächsten Tag dazu, zu zwei Bekannten nach Göttingen zu reisen und Straßburg für immer zu verlassen.

Anne wurde verurteilt, kam noch vor dem Krieg frei. Sie zog zu ihrer Familie nach Belgien, ging mit ihnen nach Bern. Die Freundin, die die schönen Gedichte schreibt, hat mir von Anne berichtet - Anne hat sie nach ihrer Entlassung besucht. Nächsten Sonnabend treffe ich Anne um 14 Uhr am Ufer des Petite France. Ich freue mich...

FREIES VERLAGSHAUS
Göttingen, 2018