Vorwort

Das Thema dieser kleinen, aktuellen Geschichte beschäftigt mich schon seit einigen Monaten. Wie soll man mit seinen Mitmenschen umgehen? Wie soll man mit Menschen umgehen, die eine andere politische Einstellung haben? Die vielleicht sogar die genau entgegengesetzte Einstellung haben?

Soll man sie ignorieren, soll man anschreien, ihnen das Wort verbieten, ihre Meinung verbieten und verfolgen? Soll man mit ihren reden, ihnen zuhören, mit ihnen diskutieren und in den Diskurs gehen? Soll man ihre Sorgen, Ängste, Befürchtungen beachten? Soll man ihnen helfen oder soll man ihnen Verachtung schenken? Ich weiß es nicht.

Die folgende Geschichte soll diese Fragen verarbeiten, soll zum Nachdenken anregen, soll zum Überdenken der eigenen Meinung anregen. Ich selbst bin mir nicht sicher, ich selbst weiß nicht, was das Beste ist, was man tun kann. So ist auch die Verarbeitung in dieser Geschichte nicht die Beste, sie ist vielmehr nur ein Vorschlag von vielen verschiedenen, eine Idee, eine Methode, ein Gedankenspiel.

Persönlich hoffe ich jedoch, dass jeder einzelne Mensch mal darüber nachdenkt, was es heißt, ein Mensch zu sein und was dieses Menschsein, aber auch das Menschsein anderer Menschen bedeutet. Was bedeutet das Menschsein eines Menschen für den Umgang mit seinen Mitmenschen? Keine Angst, der folgende Text ist kein philosophischer oder theologischer Sachtext, vielmehr ist es nur eine kleine, aktuelle Geschichte...
Michel Graver, Oktober 2016

I

"Ich bin ja nicht häufig in der Stadt. Meistens mache ich mir da vorher immer soviele Gedanken drüber, das ist ja schon immer so'ne Sache. Und das kostet doch immer soviel. Häufig bin ich da also nicht. Doch letztens bin ich dann doch mal wieder in die Stadt gegangen, eher so aus Frust, denn irgendwie war ich nicht so richtig gut drauf. Ich wollte eigentlich nur mal einen kleinen Gang durch die Stadt machen und dann später in irgendeine Kneipe gehen und was trinken. Dazu kams dann aber nicht mehr. Ich gehe ja eigentlich schon eher selten in die Stadt; das kann man sich kaum noch trauen, obwohl das ja unsere Stadt ist. Da kennen mich aber irgendwie soviele, da mache ich mir immer soviele Gedanken."

"Und wie ist das dann genau verlaufen? Könnten Sie das erklären?"

"Ich hab mir halt vorher verdammt viele Gedanken gemacht, aber dann doch eher spontan entschieden, in die Stadt zu fahren. Den Bus habe ich halt genommen und bin dann in ein paar Straßen rumgegangen. Einfach nur so sinnlos. Habe dabei überlegt, wo ich nachher noch was trinken kann. Das war ja eigentlich ganz schön, die Stadt war nicht so voll, wie ich das sonst erlebt habe. War sehr ruhig und still, wenig Menschen und diese schöne Herbstsonne zwischen den Giebeln. Fand ich mal was anderes, als unser Dorf."

"Sie sind einfach nur so herumgelaufen, ein bisschen ziellos?"

"Vorher habe ich nicht viel geplant, eigentlich bin ich so gegangen, wie sonst auch immer, im Prinzip den gleichen Weg, bis auf so ein zwei Nebenstraßen. Ich habe mir da mal das ein oder andere Geschäft angeguckt, doch da geh ich in eher wenige rein, man wird ja immer so blöde angeguckt. Meistens gucke ich einfach nur so rum, wie halt an dem Tag auch."

"Und was ist dann passiert?"

"Da geh ich so in den Straßen rum, war ja nicht viel los, vermutlich weil's noch vor Mittag war. Doch mit einem Mal, ich geh grad so an den Geschäften vorbei, da steht so ein Mädel vor mir, nicht alt, vielleicht knapp 20. Die guckt mich ganz erschrocken an, total verwirrt, fast schon hilflos. Die guckt mir ins Gesicht und wirkte völlig nervös."

"Wieso?"

"Sie steht da halt so vor mir und guckt mich ängstlich an, da fällt mir's auf einmal auf: Die hab ich schon mal irgendwo auf 'ner Kundgebung gesehen, da auf der anderen Seite, da stand die rum mit ihren Freunden und hat so behämmert rumgebrüllt und lärm gemacht, wie die ganzen anderen. Da war ich aber dann auch völlig weg. Was soll man denn dann machen..."

"Wie genau haben Sie sich in dem Moment gefühlt?"

"Ich war einfach nur verstört. Hab schonmal von gehört, dass das anderen passiert ist, meistens sind die voll aggressiv, mir ist sowas noch nie passiert. Ich wusste halt nicht, was ich tun sollte. War verwirrt, eben. Weiß nicht, Angst war eigentlich nicht da, die ist ja nicht so auf Stress aus, wie die anderen, die meinen Kumpels begegnet sind, die war selbst total erschrocken."

II

Es ist Herbst. Schwach strahlt die orange Morgensonne zwischen den Giebeln der Häuserzeilen auf das Pflaster der Fußgängerzone. Die Stadt ist ruhig und still; nur als leises Hintergrundgeräusch hört man ein paar Gespräche oder gelegentlich auch das Entladen von Lieferwagen. Ein paar Menschen - meist etwas älter - schlendern gemächlich durch die Stadt, andere gucken sich die Produkte einzelner Schaufenster an, wieder andere brechen mit unter die Stille, in dem sie eilig durch die Gassen hetzen.

Eine junger Mann geht die Straße entlang und bleibt vor einer kleinen Buchhandlung stehen, schaut sich ein paar Bücher vor dem Laden an, ehe er diesen betritt. Aus dem Nachbargeschäft, einem urigen Laden für alte Stiche und Radierungen, kommt ein älterer Herr heraus, der sich beim Weitergehen mehr auf die verschiedenen jugendstilartigen Verzierungen der größeren Häuser, neben den verschnörkelten Figuren an den alten Fachwerkbalken des Renaissancehauses, konzentriert, als dass er die bunten Werbungen der Geschäfte beachtet. Eine junge Dame geht etwas verträumt über das Pflaster, doch erwacht, als sie an einem Mann vorbeikommt. Der Herr, verständigt er sich nur mit seinen Händen, verkauft dem Mädchen eine Zeitschrift. Er freut sich über das Geld, müsste er doch sonst dafür schnorren gehen.

Eine andere, etwas ältere Frau öffnet gerade die Tür ihres kleinen Cafés. Sie schaut sich fröhlich die hohen, edlen Fassaden an, bevor sie in aller Ruhe beginnt, die Stühle an die Tische vor den Sprossenfenstern ihres gemütlichen Cafés stellt. Danach beginnt sie mit einem Stück Kreide, die große Tafel an der Tür neu zu beschriften, woraufhin sie sich wieder in das Haus begibt.

Ein älterer Mann biegt auf die Straße ein und geht hier seinen Weg weiter. Er schwenkt seinen Blick aufmerksam von Geschäft zu Geschäft und bleibt gelegentlich kurz stehen. Eine Dame, vielleicht schon über 80, erblickt aus dem Fenster eines Geschäftes das tattoowierte, faltige Gesicht des Mannes, welches sich zusammen mit der Glatze und der auffälligen Kleidung von der übrigen Umgebung abhebt.

Als der Herr weitergeht, verlässt sie das Geschäft und schaut dem Mann kopfschüttelnd nach. Sie kann so etwas gar nicht nachvollziehen, kann man denn nicht aus der Vergangenheit lernen, kann man denn nicht weiterdenken? Soetwas macht sie immer wütend. Erschrocken ist sie dann aber, als der Mann plötzlich stehen bleibt und sich nach einigen Augenblicken mit einer jungen Frau unterhält. Die alten, glasigen Augen der Frau werden größer, werden nachdenklich und gedankenleer.

III

„Wie geht es Ihnen momentan?“

„Ach... schön, dass Sie fragen. Mir geht es mittlerweile wieder einiger Maßen gut. Das war ja nun auch nichts schlimmeres, hat der Doktor gesagt. Ich bin wohl nur umgefallen.“

„Woran lag es denn?“

„Ich habe mich wohl übernommen, hat der Doktor vermutet. Ich war überfordert und da hat wohl mein Herz kurz verrückt gespielt...“

„Wa ja auch eine besondere Situation, oder?“

„Ja, auf jeden Fall... ich komme jetzt immer noch nicht damit klar, was da los war. Ich bin gerade in solchen Situation immer in einem Art Rausch, wenn Sie das verstehe, ich weiß nicht, wie man das beschreiben kann, ich kriege da nicht mehr alles so gut mit und denke wenig darüber nach, was ich mache, dass ist, als ob das alles von selber passiert, ganz seltsam. So eine Art Tunnel, es passiert total intuitiv, ohne dass man das dann plant...“

„Ich verstehe – das habe ich auch manchmal, gerade an langen Arbeits-tagen... Eine Frage noch: Der Herr hatte nichts damit zu tun, dass Sie ohnmächtig wurden, nicht?“

„Nein, er war sehr friedlich und eigentlich ganz nett, nur einmal wurde er wütend, danach hat er mir aber ganz lieb zugehört, bis ich dann halt...“

IV

"Sie standen sich dort nun in der Fußgängerzone gegenüber. Wie genau haben Sie reagiert? Was ist daraufhin geschehen?"

"Das Mädel stand ja ängstlich vor mir. Ich wusste auch nicht, was ich sagen sollte. Sie hat mich mit ihren großen, hilflosen und irgendwie auch völlig unschuldigen Augen angeguckt. Meine Kumpels haben erzählt, wie sie bei so 'ner Begegnung zugeschlagen haben; sowas konnte ich da aber nicht machen, bei so einem jungen Mädel... ne..."

"Sie haben also friedlich reagiert?"

"Ich habe eigentlich gar nichts gemacht. Das Mädchen hat nach kurzer Zeit angefangen, ja, angefangen doch sehr schüchtern und stotternd ein Gespräch - wenn man das denn so nennen will - zu starten. Hat mich einfach direkt gefragt, ob ich denn nicht ein Nazi bin. Da war ich dann total verstört. Was soll man da denn so antworten?! Eh ich was sagen konnte, hat sie dann gleich was anderes gefragt..."

"Was genau?"

"Warte... So ungefähr: "Ich habe Sie doch letztens auf einer Ihrer Mahnwachen gesehen, oder? Gehören Sie mit dazu?" das hat sie mich dann gefragt. Da habe ich ihr nach einer Weile geantwortet. Hab gesagt, dass ich da mit zugehöre und weshalb sie denn nun mich fragt. Sie kam dann an und hat mir gesagt, sie interessiert sich für meine politische Einstellung. Sie hat noch nicht mit einem Nazi geredet, vorher. Sie will sich gern mit mir in Ruhe unterhalten."

„Das hat sie so gesagt?“

"So in der Art. Auf jeden Fall wollt sie irgendwie ein Gespräch mit mir anfangen und mit mir reden. Da war ich halt total verwundert. Wieso will denn so eine mit mir, mit irgendwelchen Nazis reden?! Das habe ich in dem Moment nicht verstanden. Eigentlich würd' ich, so wie ich mich halt kenne, aggressiv werden, aber irgendwie konnte ich das nicht. Sie war mit ihrer Art so... das klingt jetzt falsch, da sie da ja 'ne Zecke für mich wesen ist, aber irgendwie war sie doch niedlich..."

V

Es war schon langsam Herbst, die Blätter wehten durch die Straße und die schöne Sonne strahlte auf das noch etwas feuchte Pflaster der Fußgängerzone. Ich hatte erst zur fünften Stunde, daher bin ich vorher auf dem Weg zur Schule durch die Altstadt etwas gemütlich herumge-schlendert. Ich war da schon so ein bisschen verträumt und bin einfach so ein bisschen herumgegangen. Generell bin ich in den letzten Wochen leider immer sehr verpeilt, wenn man das so sagen kann. Die Klausurenphase ist nun endlich vorbei und die Herbstferien stehen vor der Tür, doch leider bin ich immer noch nicht so von dem ganzen Stress erholt.

Ich habe auch schon irgendwie zu viel von der ganzen Politik bekommen, da gerade vor den Wahlen viel zu viel los war und ich recht viel erlebt hatte. Nach und nach habe ich, besonders als dann die Klausuren auf mich zu kamen, immer mehr Abstand von dem ganzen Zeug genommen und mich etwas zurückgezogen, um nicht noch verpeilter zu sein.

So bin ich dann verpeilt durch die Innenstadt gegangen und war in meinen Gedanken versunken, als mir dann mit einem Mal dieser Mann entgegenkam und wir fast zusammengestoßen sind. Ich wusste einfach nicht, was ich da tun sollte, denn ich kannte den Mann schon von den vergangenen Demos - der war einer von den Rechten, was auch schon vom Aussehen her sehr auffällig war, der mit seiner Glatze, seinen Tattoos und dieser seltsamen Kleidung.

Ich habe mir schon vorher sehr viele Gedanken gemacht, wie man denn mit Nazis und rechten Populisten umgehen sollte und ob man mit denen reden sollte. Nun war ich da aber ganz spontan gegenüber von diesem Mann und konnte vorher nicht viel drüber nachdenken. So verpeilt wie ich eh bin, hätte das aber auch gar nicht viel Sinn gehabt. Ich stand nun also vor dem Herrn und musste schnell überlegen, doch dann entschied ich mich recht schnell, ein Gespräch mit ihm anzufangen.

Ich habe den Mann also zuerst gefragt, eher vor mich her gestottert, ob er denn ein Nazi sei. Sein Gesichtsausdruck war arg verstört und sein Mund öffnete sich immer weiter, sodass ich nochmal meine Frage begründete und ihm erklärte, dass ich gern mit ihm reden wollen würde.

VI

„Da ich ja so immer bis Mitte von Oktober auf der Straße penn, war ich auch da, wo Sie von reden, auf der Straße. War ja auch noch nicht mal mehr Oktober, also habe ich da dann auch auf der Straße geschlafen, bei der Jacobi, da kann man sich zwischen den Stützpfeilern gut hinlegen, ist ja Gotik, die haben da das; da hat ja auch niemand was dagegen, wenn's regnet oder so 'n Sturm am Aufziehen ist, darf ich auch rein, die sind sehr nett zu mir, find ich doll, haben lange geöffnet; die ist auch echt vom Aussehen und von'ner generellen Arkitektur richtich schön, ham Sie sich schon mal die Bemalung angeschaut? Die ist so, wie sacht man, rekonstruktiert, wie sie sie schon um fümfzehnhundert geferticht haben, also fast original von'ner Bauzeit... aber ich schweif ab.

Also ich penn immer da und stehe dann meist auch schon früher auf, also eigentlich wenn die ersten Menschen rauskommen, dann steh ich auf, weil ich dann in Ruhe durch die Gegend gehn kann, ohne dass mir so viele Menschen begegnen, ich will nicht dauernd irgendwen nerven. Ich steh dann schon früh auf und geh rum, dass ist grad im Herbst immer ganz schön, wenn man durch das frisch-gefall'ne Laub der schönen Linden vor der Jacobi seine Runden drehen kann. An dem Tach, von dem Sie da reden, da bin ich dann auch ein bisschen weiter gegangen und bin, wie eigentlich doch schon nich selten, in die Reformierte gegangen, die find ich auch richtich schön, is'so ganz was anderes, barock, mit dem Aufbau, so steigende Sitzreihen, selten schön; hat manchmal auch früher offen, an dem Tach, über den Sie sprechen, war sie leider mal wieder zu... finde ich immer blöde, die müssten eigentlich immer offen sein, aber nachher würden da noch irgendwelche Penner drin schlafen, das würde sich nicht gehören, bei einem Hause Gottes... nee... sowas geht da garnicht. Also sperren sie dann eben abends wieder ab und machen auch nur an manchen Tagen mal früher auf, leider viel zu selten. Nur die Michaelis is recht häufich auf, die is'aber von inn nich schön, so kühl und modern, war früher schöner. Marien ist auch grad immer zu, weil die da renovieren; Johannis, die find ich nur im Chor schön, sonst eher zu düster, so aus den sechzi'ern, nich schön. Aber richtich schön ist auf jeden Fall die Albani, die ist einzichartich, urige Gotik sach ich zu sowas, obwohl mir ja Romanik noch besser gefällt; die Nikolai ist auch schön, hat jetzt sogar auch am Samstag manchmal geöffnet, find ich recht gut so.

Achso... zu dem Tach wollten Sie ja was wissen; ja, da war ich halt schon früh auf und bin rum gegangen. Habe mich dann aber auf dem Rückwech von'ner Reformierten, die ja leider zu war, auf die Bank gesetzt, da beim Sticheheini, da bin ich aber irgendwann eingepennt und erst wieder aufgewacht, als da wieder der scheiß Lieferkanacke rumgeheizt ist, das macht der meistens ganz früh morgens, andere sind nett und fahrn langsam, einige rasen rum, besonners dieser Typ, ein fremder, glotzt immer so scheiße! Aber will mich ja nich aufregen. Kurz nachdem ich dann wach war, da kam's dann zu dem Ereignis, von dem Sie reden, mit dem Nazi und der Kleinen, die sich da so getroffen haben; die haben mich beide nich beachtet, saß ein paar Meter entfernt und konnte so alles mithören, was die gesacht haben. Ich schwör Dir, ich habe noch nie sowas seltsames gehört, so komisch, hab da noch nie drüber nachgedacht, aber die beide haben natürlich recht; das war schon interessant, wie die da so drüber diskutriert haben, fand ich was dolles, erlebt man ja doch nich so oft, ich war dabei, wie so eine 'Zecke', so hat er sie genannt, mit einem 'Herrn', wie sie so süß war, unterhalten hat. Wär ich 'n Spießer würd ich davon reden, das wär 'ne Bereicherung für mein Leben... verstehen Sie?“

VII

„Oh...
...
Entschuldigen Sie... werter Herr, aber sind Sie... sind... sind Sie ein Nazi...“

„Ähh...
ähhhhhh....
...“

„Oder... warten Sie... ich habe Sie doch, doch auf einer Ihrer Mahnwachen gesehen, oder? Gehören Sie, zu, zu, ähhm, zu... gehören Sie zu denen?“

„Ähhhhhhhhhhhh... .... ..... ...... ja... wieso? Wieso fragst Du mich?“

„Mhhh... Werter Herr, wissen Sie,... ich... ich habe noch nie mit, mit einem wie Sie... also... noch nie mit Nazis geredet... ich habe Sie, Sie, werter Herr, auf Ihren Demos, Ihren Kundgebungen, wie hier letzte Woche,... wo Sie dann noch weiter gefahren sind... ich habe Sie da schon mehrfach... ja... mehrfach gesehen...“

„Ja... ich dich... ich dich auch... wieso... was.....
was willst Du von mir? Geh doch weg! Bitt... was willst Du denn?“

„Ich, ich, ähhh... dürfte ich,.... dürfte ich gegebenenfalls mit Ihnen, werter Herr,... darf ich mit Ihnen reden? Vielleicht über Ihre, ich meine jetzt über Ihre politische Einstellung... dürfte ich eventuell, wenn Sie wollen, dürfte ich mit Ihnen über Ihre politische Einstellung reden? Sie müssen... müssen wissen, ich habe noch nie, also echt noch nie mit einem Nazi geredet... ich würde gern... wenn Sie auch wollen, würde ich mich gern mit Ihnen über Ihre politische Meinung unterhalten...“

„hä...? was?! ääähhhh.... wie?... also... ä... Du willst dich... Du willst dich mit mir unterhalten? über meine politsche Mein... politsche Einstellung... ähhh.... .... also... wie... wie jetzt?“

„Warte... könnten Sie mir vielleicht, wenn Sie wollen... könnten Sie mir sagen, wieso Sie denn gegen Flüchtlinge sind... also... also... wenn es Sie nicht stört... mich würde das interessieren... auf Facebook steht bei ihrer Gruppe, auf der Seite von Ihrer Gruppe... da steht, sie wollen keine Flüchtlinge aufnehmen und die wieder abschieben.... also... wieso?“

„Also... ich finde wirklich, was soll ich sagen... ich find die können hier doch nicht alle hinkommen... die sind doch.... die sind doch ganz anders! Denk doch nach... wenn die hier alle herkommen, die wollen hier doch alle nur her, weil Merkel denen gesagt hat, die werden... werden hier Geld bekommen! Anreize.... alle wegen dem Geld... denk doch mal nach... stell dir vor, die kommen hier alle her... das geht doch nicht...“

„aber entschuldigen... entschuldigen Sie, auf der Seite von der Gruppe... da steht aber, da steht, dass Menschen, die wegen Krieg und und Verfolgung hier her, her fliehen, dass die aber auch für eine Zeit Schutz bekommen... die dürften doch hier dann eigentlich hin...“

„Hä? Was willst Du?! Was labberst Du da... geh doch wech... Schwachsinn! Guck dich doch mal um, so darf doch Deutschland nicht aussehen... denkt hier denn noch jemand an unsere Deutsche Bevölkerung? Hä?! Neee....“

VIII

„Das war ein sehr schöner Herbstmorgen und die schönen warmen Sonnenstrahlen sind über die Giebel der hohen Häuser auf das noch feuchte Pflaster gefallen. Mich fasziniert sowas immer... Sie müssen wissen, früher habe ich mal mit Aquarell gemalt und da war sowas immer mein liebstes Motiv. Aber heute, ach, da bin ich für sowas schon viel zu tatterich, verstehen Sie? Wo war ich denn stehen geblieben, liebe Dame?

Achso... das war eben so ein gemütlicher morgen. Ich mache an solchen schönen Tagen häufig einen Spaziergang durch die Stadt und gucke mir da diese wundervollen Bilder an, wie wenn das warme Licht der Morgensonne auf das alte Pflaster unserer werten Stadt fällt... wunderbar, oder? Haben Sie sowas schon mal genauer betrachtet? Ich könnte sowas den ganzen Tag machen, doch leider steht irgendwann eben diese schönen Sonne zu weit oben... dann ist dieses schöne Spiel vorbei; noch schöner ist es aber, wenn das bunte Laub auf den Boden fällt und noch nicht gereinigt worden ist, wundervoll... einzigartig schön ist es, finde ich vor der Jacobi-Kirche, wenn die Sonnenstrahlen den hohen, edlen Turm streifen und auf das bunte Laub der alten und mächtigen Linden fallen... so etwas muss ich genießen, da setze ich mich meist auf den Rand der Lindenbänke und schaue mich gemächlich um. Das ist das schöne, wenn man so alt ist, wie ich es nun schon bin, junge Frau, man hat viel Zeit für sowas, auch wenn meine Zeit schon bald naht...

Aber was mich an diesem Platz stört, das ist der alte Kirchmeier, kennen Sie den? Das ist einer von diesen Menschen, die auf der Straße leben, ein Obdachloser also. Der alte Herr übernachtet immer an der Wand zwischen der Jacobi-Kirche. Sie müssten sich mal mit dem unterhalten, der kann Ihnen mehrere Stunden etwas über Kirchen erzählen. Er findet da gar kein Ende. Ich habe einmal mit ihm angefangen zu reden, er kam aus der Johannis-Kirche heraus und da habe ich ihn gefragt, was er denn dort gemacht habe, woraufhin er mir irgendwie sehr lange berichtet hat, welche Kirchen er wie schön findet und sehr lange erzählt hat, welche Kirche welche architektonische und kunsthistorische Eigenarten hat... der Kirchmeier, so nenne wir ihn, hat da aber auch schon ganz eigene „arkitektonische“ Sprache, mit urich-gotisch und sowas.

Was mich da nur gestört hat, dass der Kirchmeier immer so arg richt; sie müssen wissen, junge Frau, dass er recht langes Haar hat und sich selten zu waschen scheint, da fängt sich natürlich der Gestank. Ich finde sowas ja immer traurig. À propos da fällt mir ein, an einem Tag, vor ein paar Wochen – das war ein wirklich schöner Herbstmorgen – da saß ich eine Weile vor der Jacobi-Kirche auf den Lindenbänken, aber ich wunderte mich, da ich den Kirchmeier gar nicht erblicken konnte. Nach einer Zeit, nach dem ich das schöne Ambiente vor Ort genossen hatte, begab ich mich wieder auf den Heimweg, doch bin dort noch kurz zu Peter gegangen und habe mir ein paar seiner schönen Bücher angeschaut. Ein wundervolles Buc habe ich mir dort von ihm gekauft... welches war dass den noch gleich... ich glaube das war ein kleines Heft von Theodor Storm... Hans und Heinz Kirsch... wenn ich mich recht erinnere, eine Schullektüre, welche wir früher nach dem Krieg zu lesen bekamen, eine prächtige Ausgabe.

Auf jeden Fall habe ich dort, als ich im Geschäft war, den Kirchmeier gesehen, während er sich auf eine Bank vor dem Geschäft von dem Stiche-Heinrich, wie wir ihn zu nennen pflegen, waren Sie dort schon einmal? Also, während ich also gerade aus dem Fenster von Peters Laden blickte, fiel mir ein seltsamer Herr auf: Der Herr hatte sich sehr dunkel gekleidet, aber keine Mütze auf seine kahle Glatze gesetzt, der wird sich so wohl erkälten, habe ich mir zu erst gedacht, doch dann viel mir auf, dass er mit seinen Tattoowierungen aussieht, als wäre er irgendwie einer von diesen, wie nennt man sie, ein Skinhead, heißt das glaube ich, also so ein Nazi.

So etwas ärgert mich immer. Sie müssen wissen, liebe Dame, dass ich den Krieg noch miterlebt habe und vieles was dazu gehörte ebenso. Ich denke, man muss doch aus dieser Zeit lernen und ihr nicht hinterherhimmeln, dieser schrecklichen Zeit. Das geht doch wirklich nicht, das macht mich immer sehr traurig, gerade wenn es noch jüngere Menschen sind, die sich damit auch ihre eigene Zukunft verbauen. Allein diese Tattoowierungen, wie können diese Männer sich so in die Stadt trauen?

Der Herr ist auf jeden Fall so durch die Stadt gegangen und ich musste irgendwie unbewusst aus dem Geschäft gegangen sein, um ihm hinterherzuschauen, auf jeden Fall hörte ich aus dem Geschäft Peters Stimme, doch ich verstand kaum, was er denn wollte, so war ich auf diese arme Glatze fokussiert. Doch ich war dann schon sehr erschrocken, als der Herr auf der Höhe von Kirchmeier mitten auf der Straße auf eine junge Frau gestoßen ist und bald sogar mit ihr geredet hat. Sie haben sich sogar unterhalten, obwohl das junge Ding eher so aussah, als würde es von Nazis nicht viel halten, sie passt mit ihren längeren braunen Haaren keines Weges in diese Szene.

Irgendwie mussten die aber auch über Kirchmeier geredet haben, denn der Herr zeigte nach einer Weile auf diesen. Er saß doch immer noch auf der Bank vorm Stich-Laden und schien so, als würde er die Konversation der zweien verfolgen. Als der Herr auf den alten Kirchmeier zeigte, erschrak er.

IX

„Aber Sie haben sich dann doch mit der jungen Dame unterhalten?“

„Wenn Sie das so nennen wollen. Das Mädel hat mich gefragt, wie ich den zu den Asylanten stehe. Ich war zuerst verwundert und wusste immer noch nicht so richtig, was sie denn nun von mir wollte. Als sie dann aber so fragte, da habe ich ihr erklärt, was ich von denen halte, die hier her kommen, nur weil sie von unserem Wohlstand leben wollen. Die kommen hier ja her, weil sie hoffen, hier das von Merkel versprochene Geld zu kriegen. Doch darauf hat das Mädel irgendeinen – für mich in dem Moment – Schwachsinn geredet...“

„Wie meinen Sie?“

„Sie wollte mir erklären, dass meine Gruppe Flüchtlinge doch aufnehmen will und dass das auf der Facebook-Seite stehen würde.“

„Und stimmt das?“

„In dem Moment, da war ich mir sicher, dass das gelogen wäre, doch als ich dann zuhause nachschaute, da wurde mir klar, dass wir da so eine Art Satzung hatten, wo genau das steht.“

„Was genau?“

„Das wir Kriegsflüchtlinge aufnehmen wollen, aber solche, die nur für's Geld kommen, oder kriminell sind, abschieben wollen.“

„Und das wussten Sie nicht?“

„Nö... das habe ich mir noch nie durchgelesen.“

„Wie ging es dann weiter?“

„Ich würde wütend, weil ich dachte, sie würde mich nur anlügen. Ich wurde besonders wütend, weil es mich aufregt, dass grad die Asylanten alles mögliche in ihren Ausländerarsch geschoben bekommen, aber unsere Deutschen Brüder und Schwestern, also unser eigenes Volk nichts von dieser verräterischen Hilfe abbekommen.“

„Woran machen Sie das nun genau fest?“

„Ach... ich dachte, Sie wollten wissen, was an dem Tag abgelaufen ist und mich nicht mit Ihrer politischen Meinung missionieren! Ich kann's Ihnen aber sagen, mein Herr,...“

„Ich will Sie nicht missionieren...“

„Direkt neben uns, ein paar Meter entfernt, da saß auf einer Bank so ein deutscher Mann, der keine Wohnung hat. Ein armer Obdachloser, der zu uns guckte. Denken Sie, der bekommt irgendwelche Hilfe von uns? Glauben Sie das wirklich? Nichts bekommt der! Die Ausländer werden hier gefüttert und fressen sich ihren fetten schwarzen Bauch vor der Glotze dick und Fett, aber unser deutsches Volk muss auf der Bank pennen! Das ist unser scheiß System!“

„Und das haben Sie dann also auch der jungen Frau erklärt?“

X

„Die zwei haben sich da also unterhalten und sone Weile geredet, aber irgendwie sich doch nur einen zurecht gestottert, grad das Mädchen, das wirkte doch total nervös, wie sie da so vor sich hin irgendwas gesacht hat, viel konnte ich leider doch nicht hören, da die sehr leise geredet haben und meine Ohren auch nich mehr so top sind, verstehen Sie? Es ging aber irgendwie um die Asylanten, Asylanten wie dieser Lieferkanacke, das habe ich so noch mitbekommen. Um die gings halt.

Aber irgendwie fängt der Typ dann an und redet vom deutschen Volk und so und zeigt dann mit einem Mal auf mich. Das Mädchen guckt dann zu mir rüber, aber kurze Zeit später wieder zu dem Mann zurück. Ich wusste da natürlich kein bisch'n, was die da dann von mir wollten. Ich dachte ja auch, dass die mich ganich mitbekommen hatten; und dann zeicht der auf mich. Ich habe erschrocken hoch geguckt und konnte trotzdem nich durchschauen, was der nun wollte. Bin ich jetzt das deutsche Volk? Was soll ich damit? Das ganze bringt mir doch auch nichts, oder? Ich bin ja trotzdem nur der alte Kirchmeier, der zwischen Straße und Gotteshaus am Pendeln is, aber nein, jetze bin ich sogar schon das deutsche Volk... genau das deutsche Volk, was sich so um mich und diese ganzen an'ner Penner kümmert. So siehts aus, mit der Volkssolidarität. Links und Rechts schlägt sich die Köppe ein, anstatt, dass sie verstehen, was denn Demokratie is und was man darauf dolles machen könnt. Aber nee... man kann ja nich normal reden, muss ja nur rumbrüllen! Würde man sich mal an 'nen Tisch setzen, dann könnt man ja mal drüber reden, was denn falsch ist, was die an'nern scheiße finden – dann könnt man versuchen, alles so zu ändern, das alle zufrieden sind. Aber nein; das kann das dieses Volk nich! Gott könnte das...

XI

Ein frischer Wind fegt über den Boden. Die bunten Blätter der hohen, mächtigen Bäume fliegt durch die Luft und sammelt sich an einer Häuserwand, am Fenster eines Geschäftes, an einer Bank, an einer Tür, an den Beinen einer vorbeigehenden älteren Dame, die gerade erst aus dem Antiquariat im ehemaligen besetzten Haus herauskommt. Früher sollte der ganze Komplex abgerissen werden, nur, damit die Bankfiliale mehr Platz für einen Neubau erhält.

Heute strahlt über die Fassade noch die Schrift eines Geschäftes, welches vor vielen Jahren noch Kundschaft hatte. Heute sehen wir hier ein Antiquariat und einen veganen Saftladen, der jedoch nur selten Gäste hat. Die Gassen hinter dem Haus wurden nach der Räumung abgerissen und durch einen Neubau ersetzt. Vergessen sind die Geschichten der Gebäude, die Geschichten ihrer Einwohnerinnen und Einwohner, die Geschichte der Besetzung und Räumung...

Der Wind weht durch die Gassen und Straßen der schönen, ruhigen Stadt. Langsam werden es mehr Menschen die herauskommen, es kommt bald die Mittagspause, sodass sich auch die Cafés und Bäckerein, Döner und Bistros auf etwas mehr Kundschaft vorbereiten, wird so doch schon der beste libanesische Falafelteig im bestimmt traditionsreichesten Schnellrestaurant der Stadt vorbereitet, während im Tee-Café auf der Ecke der Kuchen in den Ofen geschoben wird, oder die neue Lieferung genüßlich die kleinen Probetassen füllt.

Auf der Straße ereignet sich während dessen ein seltsames Schauspiel: Eine junge Frau trifft auf einen glatzköpfigen Mann. Beide unterhalten sich eine Weile, reden und das Mädchen beginnt ihrem Gesprächspartner etwas zu erklären. Doch dann, nach einem weiteren Augenblick, da fällt das Mädchen plötzlich zu Boden. Der Mann bleibt stehen und schaut sich verwundert um. Ein schlampig aussehender Mann, der auf der anderen Straßenseite auf einer Bank saß, erhebt sich und geht zu den beiden dazu. Eine ältere Dame schließt sich der Gruppe an.

Der erste Mann nimmt das Mädchen sachte unter dem Kopf und richtet sie auf. Er will sie scheinbar wachrütteln, da springt die Dame dazwischen und fordert den Mann auf, die Beine der Frau hochzustützen, der Mann legt seine Jacke unter ihren Kopf und redet auf das Mädchen ein.

So dauert es eine Weile. Ein Junge stößt dazu, der Schlampige fordert ihn offenbar auf, den Notarzt zu benachrichtigen, denn der Junge kramt in seiner Tasche und holt ein Smartphone hervor, er telefoniert.

In der Zwischenzeit wehen weitere Lindenblätter durch die Straßen, ein Blatt fällt mittig auf das Gesicht des Mädchens, besorgt streicht der Mann das Blatt beiseite. Der Wind wird stärker, ...

XII

„Ich wusste nicht so wirklich, was ich ihn denn nun fragen sollte. Ich wollte mit ihm über seine politische Einstellung reden. Ich habe schon so oft darüber nachgedacht, wie man denn nun mit Rechten umgehen sollte, wenn man ihnen begegnet, wenn man die Chance hat, mit ihnen zu reden. Nun stand ich direkt vor einem Nazi, doch in dem Moment, in genau so einem Moment, auch wenn man sich noch so viele Gedanken gemacht hat, ich wusste nicht, was ich tun sollte. Ich war hilflos. Mir ging nur eine einzige Frage in dem Moment durch den Kopf, die mich kurz vorher zu beschäftigen begann. Ich habe auf der Facebook-Seite gelesen, dass die Nazigruppe Kriegsflüchtlinge aufnehmen will, also habe ich den Mann spontan gefragt, wie er denn zu Flüchtlingen steht.

Er sagte darauf, dass er die wohl nicht hier haben will; ich habe ihm dann aber gesagt, dass seine Gruppe Kriegsflüchtlinge aufnehmen wolle, woraufhin er aber wütend wurde. Die Aussage von mir war glaube ich falsch, also viel zu provokativ, ich habe zwar irgendwie gemerkt, dass der nicht aggressiv mir gegenüber war, aber trotzdem wurde er da schon wütend, vorher war er eher schüchtern.

Er wollte mir dann wohl weißmachen, dass er es doof findet, dass Deutschland sich nur um die Flüchtlinge kümmere, aber die eigenen Hilfsbedürftigen nicht beachte, dabei hat er dann auf den Kirchmeier gezeigt, den Obdachlosen, der das Aussehen jeder Kirche unserer Stadt im Schlaf beschreiben kann und dem ich eigentlich immer ein paar Euro in den Hut lege. Doch scheinbar ist er mir an dem Tag gar nicht aufgefallen, er saß auf der Bank und hat wohl unserem Gespräch zu gehört. Nachdem er mir das erklärt hat, wollte ich dann aber schon wissen, wieso er denn keinen Menschen helfen will, die in ihrem Heimatland bedroht werden, deren Häuser und Familien zerstört werden. Aber er wollte darauf gar nicht reagieren und hat mich böse gefragt, wieso ich denn nun mit ihm rede, was das denn alles soll, was ich denn von ihm will.

Ich war wieder in der Situation, wie vorher schon. Was soll man denn nun sagen. Ich habe mir aber vorher schon viel überlegt, habe nachgedacht und mich selbst schon oft gefragt... soll man mit Nazis reden...? Da das Gespräch über seine Einstellung nicht viel Sinn machte, habe ich ihm versucht, ein bisschen zu erzählen, wie mein Weltbild ist...

plötzlich wurde mir, da wurde mir aber schwarz vor augen... ich hatte das schon mal beim arzt, vielleicht, weil ich einfach zu verpeilt bin, zu viel mache und einfach überlastet bin. ich bin da da da einfach umgefallen... zusammengesackt... hatte keine kontrolle mehr über meinen meinen körper... das... ich weiß nicht... weiß nicht was da los war und da dann passiert ist... auch nicht davor... was genau ich da gesag gesagt habe... ich weiß es nicht ich bin bin doch irgendwie verwirrt...

kann ich mal ein ein glas wasser

bitte...?“

XIII

„Und was ist dann geschehen?“

„Ich habe, weil ich einfach schon angenervt war, wo sie so etwas seltsames sagt, nachgefragt, wieso sie denn nun unbedingt mit mir reden will und dass ich darauf keinen Bock habe – da hat sie mich ja wirklich gefragt, wieso ich denn den Asylanten, die hier angeblich wegen irgendwelchen Kriegen herkommen, nicht helfen wollen würde. Das hat mich da zu der Zeit schon angekotzt, sodass ich ihr gegenüber schon etwas blöd reagiert habe.“

„Wie?“

„Ich habe sie halt angemacht, wieso sie mich denn nun so etwas fragt. Das Mädel hatte da schon ganz schon Mut, wo sie mich ja von unseren Demos kennt. Ich wollte eigentlich weiter gehen, doch da fängt sie mir dann zu erklären, was ihr so alles im Kopf rumgeht...“

„Und?“

„Ich habe ihr dabei zugehört und konnte, also ehrlich gesagt... ich... ich konnte das schon irgendwie verstehen. Also, … das war halt schon nachvollziehbar, was das Mädel da meinte.“

„In welchem Bezug?“

„Sie... sie hat mir – klingt jetzt blöd von mir – aber sie hat mir halt ihre Einstellung erklärt, ihre Meinung, ihr Menschenbild... ich fand das gut...“

XIV

„Das war schon seltsam, müssen Sie wissen, ich saß da eben auf der Bank vorm Sticheheini und gucke denen immernoch beim Reden zu, obwohl halt die Glatze zu mir hin'ezeicht hat, aber das stört mich ja nicht, die zeigen ja häufich alle auf mich. Ich gucke da also hin und hör zu, wie die sich so unterhalten. Das Mädchen meint irgendwas von Kriegsflüchtlingen und dass man denen ja helfen müsste. Da wurde der Mann noch wütender und schnautzte die Frau arg an – irgendwas so mit Zecke und so. Fand ich schon fies, wo sie doch schon sehr schüchtern und höflich wirkt...

Dann fängt sie an und erklärt, wie sie das alles sieht und dass sie so'ne für mich ganz interessante Meinung hat, von wegen, dass da halt alle Menschen Menschen sind und so, ich kann's jetzt nicht so wiedergeben, aber ich fand das da schon ganz schlüssich und gut, was sie da so gesagt hat. Ich finde auch ihre Meinung da ganz schön, kann ich nich wider-sprechen. Das wirkte vernünftich.

Nur mit'nem Mal is sie dann so umgeplumpst, einfach auf die Knie gefallen, da lag sie dann da verkrümmt auf dem Boden. Da bin ich gleich aufgestanden und zu den beiden hingegangen. Der Mann kniet schon aufm Boden und sachte was zu ihr, ich hab da eigentlich nur geguckt, wusste gar nich was da zu tun is, ich hatte sowas schonmal gesehn, bei 'nem alten Typen, der hatte so einen Schlachanfall, aber doch nicht bei'nem so jungen Gör... ne... das muss was anderes gewesen sein. Kurze Zeit später kam dann auch noch die nette Dame dazu, die sich ständig so viele Bücher kauft, hat ihren Beutel auf den Boden gepackt und dann sacht, was wir tun solln, 'nen Junge hat dann den Krankenwagen gerufen; die haben ja heute alle Handys.

XV

„Aber, aber... sollten wir denn nicht denen, denen die kommen, weil sie aus ihrer Heimat wegen Krieg vertrieben werden, sollten wir denen nicht helfen? Die brauchen doch Hilfe! Das... das, das ist doch unsere Pflicht!“

„Was?! Also hör mir doch auf! Was bist Du denn für, für ne Zecke!
Hör auf, Mann! Echt... also...
geh doch...
geh doch weg...
Was willst Du, was willst Du eigentlich hier von mir?!
Hau doch ab!“

„Ich will, will aber gern mit Dir reden.“

„Du bist 'ne scheiß Zecke! Was soll ich denn mit dir reden! Du olles Gör!“

„Ich bin, ich bin ein Mensch, genauso wie Du, also rede ich mit Dir. Wir sind doch alles, alles Menschen... egal, was wir jetzt glauben, wo wir herkommen, oder was sonst auch... Wir leben hier alle zusammen auf diesem einen Planeten. Nun haben sich über die Jahre hinweg die Menschen entwickelt und in manchen Ländern sind sie dabei etwas weiter gekommen, als in anderen, was aber nicht verwerflich ist, oder nun heißt, dass die einen besser sind, als die anderen – wir alles sind Menschen; und nicht ein anderer Mensch kann über das Menschsein eines anderen entscheiden!

Wir haben alle ein gemeinsames Ziel. Alleine, da kann ein Mensch nicht überleben, oder nur ganz schwer. Er ist auf eine Gemeinschaft angewiesen. Diese Gemeinschaft baut darauf auf, dass wir alle friedlich zusammenleben und uns gegenseitig mit unseren Eigenheiten respektieren. Wir geben uns für dieses Zusammenleben eigene Regeln, an die wir uns halten und die unser friedliches und gerechtes Zusammenleben sichern. Wir verteilen Aufgaben, teilen uns Aufgaben, einzelne Menschen spezialisieren sich auf einzelne Aufgaben, sodass wir am Ende alle mit unserer jeweiligen Arbeit das generelle, das große Gesamte aufrechterhalten, jeder Mensch ist da eingebunden und tut mit seiner Existenz in irgendeiner Weise etwas für die Gesellschaft oder sollte dies wenigstens versuchen.

Was gibt uns da nun die Rechtfertigung, Menschen, die scheinbar anders, die ärmer sind, oder deren Zusammenleben noch nicht allzugut geregelt ist, auszubeuten, auszunutzen? Wieso sollten wir so etwas dürfen? Wäre es nicht sinnvoller, ihnen zu helfen, als auf sie herabzuschauen? Ich finde schon! Also besonders, wenn Menschen in ihrer Heimat nicht leben können, weil dort einzelne Menschen denken, sie müssten das friedliche Zusammenleben zerstören und irgendwie ungerechtfertigt über andere herrschen, oder müssten ihre Herrschaft über andere auf fundamenta-listische Weise rechtfertigen, dann müssen wir diesen Menschen, die von dort fliehen, helfen. Wir müssen sie doch aufnehmen, wenn auch nur so lange, bis sie wieder sicher in ihre Heimat zurückkehren können – wir müssen ihnen helfen.

Genauso wichtig ist es aber, dass man redet, dass man diskutiert, dass man sich unterhält, dass man sich Gedanken macht, wie man gegen aktuelle Probleme vorgehen kann, wie man das Zusammenleben verbessern kann und friedlich gemeinsam zusammenleben kann, friedlich mit allen Menschen, egal, welche Religion, Nation oder politische Einstellung sie nun haben. Wir sind Menschen, wir müssen also auch menschlich sein. Wir dürfen nicht auf anderen Menschen herumtreten, nur weil wir ihre Meinung nicht mögen, wir müssen ihnen zuhören, müssen reden, müssen die Meinung verstehen und versuchen sie nachzuvollziehen. Wenn wir verstehen, wie der einzelne Mensch zu seiner Meinung kommt, können wir gucken, welche Probleme, welche Missstände die Grundlage für die Bildung der Meinung sind und können dann versuchen, diese zu verbessern und zu verändern. Schweigen, ignorieren, unterdrücken, dass hilft hier nicht. Ebenso wenig helfen Gewalt, Waffen, Kriege oder anderes. Wir müssen die Konflikte austragen, aber in gesitteter, menschlicher und friedlicher Weise an einem Tisch, anstatt auf einem Feld!

Aus diesem Grund rede ich mit Dir! Du hast eine politische Einstellung, die ich verstehen möchte. Mich interessiert dabei, wieso Du diese Meinung hast und wie Du zu der Meinung gekommen bist. Denn Du bist ein Mensch. Du bist ein Mensch, auch wenn Du vielleicht denkst, dass andere Menschen weniger wert sind, als Du, dass man ihnen nicht helfen muss, dass schlecht für unser Zusammenleben sind.

Ich finde Deine Sorgen wichtig, weil es menschliche Sorgen sind. Wir müssen gemeinsam gucken, wie wir Dir diese Sorgen nehmen können. Hast Du Angst vor Armut, müssen wir schauen, wie man das Sozialsystem verbessern kann, wie mehr Jobs möglich sind, wie eine soziale Absicherung gesichert werden kann. Hast Du Angst vor Flüchtlingen, weil sie den Deutschen ihre Jobs wegnehmen, dann hat das vielleicht seine Gründe. Lass uns gucken, ob das so ist, lass uns besonders dann auch schauen, dass wir allen Armen gleichberechtigt helfen! Niemand muss auf der Straße leben! Hast Du Angst vor der Islamisierung? Bist Du schonmal Muslimen begegnet? Lass uns gemeinsam gucken, ob hier eine Islamisierung stattfindet, oder ob die Muslime irgendwie alle generell gefährlich sind. Lass uns schauen, ob uns der Islam schadet, auch wenn er hier erst neu ist.

Ich möchte mit Dir reden, weil Du ein Mensch bist, weil Du automatisch, weil Du ein Mensch bist, ein Teil des großen Gesamten bist. Mit dem, was Du tust, tust Du etwas, was sich auf dieses große Gesamte, auf das Zusam-menleben auswirkt. Ich möchte mit Dir darüber reden, was Dich stört, kränkt und Dir schadet, was Du blöd findest, was geändert werden muss.

Lass uns gemeinsam friedlich darüber reden, wie unser gemeinsames und friedliches Zusammenleben verbessert werden kann. Wir sind alles Menschen, unser gemeinsames Ziel ist das Überleben, das Fortbestehen, der Erhalt unseres Planeten mit allem, was dazugehört. Wir sind alles Menschen, daher m...

XVI

Der Mann erhebt sich von seinem Stuhl. Er schüttelt seinem Gegenüber die Hand und verlässt den Raum, am Ausgang verabschiedet er sich noch kurz und geht dann auf die Straße. Das bunte Laub der Eichen fliegt um seine Beine, er streift ein Blatt von seinem haarlosen Kopf ehe er sich eine Mütze aufsetzt. Er geht noch ein paar Meter zur nächsten Bushaltestelle und fährt zuerst zum Bahnhof. Von dort, einmal umgestiegen, fährt er ein paar Stationen weiter, bevor er aussteigt. Er zieht seinen Kragen höher und überquert die Straße.

Nachdem er das kleine Tor geöffnet hat, wird er von den paar jungen Menschen seltsam betrachtet, die auf dem Boden vor der offenen Tür des Hauses sitzen. Er hat schon einmal Bilder von dem Haus gesehen, mit seinen großen Bemalungen, mit den vielen Plakaten; schon einiges hat er davon gehört, von diesem optischem und gesellschaftlichem Schandfleck der Stadt, wie wohl mal irgendein Politiker gesagt haben soll. Er wirft ein Blick in das bunte Treppenhaus und von dort kurz in den Saal. Danach geht er aber schon wieder raus, denn er hat nicht mehr viel Zeit.

Er geht die Straße ein paar Häuser weiter. Da steht sie schon vor dem Café, ihre braunen Haare wehen ihr durch das Gesicht, sie setzen sich an das Fenster, nahe der warmen Heizung. Der Mann schaut sich etwas nervös um, betrachtet die Bücher, die man sich kostenlos aus dem Bücherschrank nehmen kann, guckt sich die Flyer und Plakate an, ehe er sich einen der fair-trade-Kaffees aussucht. Nach dem er ein paar Bissen des Kuchens gegessen hat, fängt er an und erzählt...

Ende.

FREIES VERLAGSHAUS
Göttingen, 2018