Vorwort

Das Thema dieser kleinen Geschichte? Es soll eine Sammlung an Denkanstößen sein und Dich somit zum Denken anregen. Eine eigene Kritik möchte ich hier nicht so explizit äußern, wie ich vielleicht in den vorherigen Heftchen Lösungsvorschläge auf kritische Fragen genannt habe. Ich möchte an dieser Stelle eher einen kleinen Versuch aufstellen.

Wenn Du diese Geschichte liest, denn verbindest Du vielleicht mit einzelnen Aspekten besondere persönliche Dinge, vielleicht fasst Du auch etwas als Kritik auf, vielleicht reflektierst Du darüber und kommst zu einem eigenen Entschluss. Ich hoffe Du kannst hiermit etwas anfangen...

Hinter der Geschichte stecken aber auch einige persönliche Fragen, die ich mir im Vorfeld gestellt habe, unter anderem...
a. Wie müsste man mit Tieren, sind sie noch so ekelig, umgehen?
b. Wie geht man mit dem Tod um, was bedeutet er, wieso gibt es ihn?
c. Wieso gibt es den Menschen?
d. Wieso gibt es Religionen?
e. Wieso...

Ich finde zwar nicht unbedingt Antworten auf die Fragen in dem folgenden Text, eventuell geht es dir aber anders. Insgesamt braucht Du aber auch hier wieder keine Angst zu haben, denn der folgende Text ist kein philosophischer oder theologischer Sachtext, nein, er ist vielmehr nur eine kleine Geschichte, die sich auf einer anderen Art und Weise mit der Frage „Wieso?“ beschäftigt.
Michel Graver, Dezember 2016

I

Frauchen ist tot. Von uns gegangen ist Frauchen, tot, gestorben, weg. Um den leblosen Körper geht das Hündchen, aufgeregt, hektisch. Was ist passiert? Was ist mit Frauchen? Frauchen ist tot und liegt leblos auf dem Boden. Hund versteht die Welt nicht mehr. Wie kann das denn so schnell passieren? Das darf doch nicht so schnell gehen, Frauchen darf doch nicht so schnell gehen und dann ausgerechnet noch vor dem Abendgassigehen. Hund versteht das nicht, wieso? Wieso liegt denn nun Frauchen auf diesem Boden, wieso ist sie denn jetzt so kühl und bewegt sich nicht mehr, sonst freut sie sich doch immer über Hund, jetzt macht sie auf einmal keine Regung mehr.

Frauchen ist tot; liegt auf dem Boden, der Körper wird schon kälter, einzig das Blut sorgt für eine flüchtige Wärme, dabei aber überwiegend um den Körper verteilt, ihr Gesicht ist blutig, die braunen Haare rötlich. Ihr weiches Gesicht mit der einst glatten, lieblichen Haut ist von Kratzern gesäumt, von Kratzern zum größten Teil durch das gusseiserne Geländer der frei im Zimmer hochführenden Wendeltreppe verschuldet. Das rote Bächlein sucht sich seinen Weg über den hölzernen Dielenboden zum alten Webteppich, ein Geschenk der Tante. Die einzelnen Fäden scheinen sich über den frischen Farbton zu freuen.

Als die Fäden langsam verhärten, dreht sich ein Schlüssel im Schloss der kleinen Wohnungstür: die Nachbarin stürmt zur Tür herein, sodass Hund sie begrüßen kann. Hund freut sich sehr, denn sie freut sich über jeden Menschen, besonders aber über die Nachbarin, die junge Studentin ist immer so nett zu Hund, sie schenkt ihr immer schöne Sachen, so Spielzeug und ähnliches. Das freut Hund immer, doch heute freut sie sich nicht so richtig, denn ihrem Frauchen geht es nicht gut. Frauchen ist so kühl. Was ist mit Frauchen? Die Nachbarin eilt sofort zu dem Punkt, an welchem Frauchen nach ihrem Sturz gelandet ist. Die Studentin kniet sich neben ihre Freundin, ihre Freundin ist tot.

Die Studentin kann es kaum glauben. Wie kann so etwas passieren, wieso muss so etwas geschehen? Das darf doch nicht wahr sein. Wieso? Wieso sie? Wieso jetzt? Das darf doch nicht wahr sein. Ihre Freundin?! Eigentlich würden ihr nun erste Tränen über die Wangen fließen, doch ihre trockenen, an sich steinernen Augen zeigen genauso wie ihr gesamtes Gesicht die eisige Erschrockenheit. Sie fasst um den Kopf der jungen Frau, stützt sie hoch. Langsam bildet sich eine erste Träne…

II

Sie geht nach Hause, schnellen Schrittes geht sie über Blatt, Stock, Stamm, Wurzel, Erde, Laub, Matsch. Sie geht durch den Eingang in ihre Kolonie. Es ist wieder recht voll am Haupteingang und dem darauf folgenden Weg zum Kern des großen, vielschichtigen Gebäudes, denn draußen hat es stark geregnet, doch nun ist es wieder halbwegs schön, der Himmel wird klar, sodass sich alle wieder langsam nach draußen trauen. Sie geht den gut gefestigten Hauptweg durch und bringt ihre kleine, aber recht ertragreiche Errungenschaft an die entsprechende Stelle. Würde man über ihre Gefühle sprechen, sie wäre bestimmt überaus glücklich, da man schon lange nicht mehr eine so schöne, so vielseitig nutzbare Errungenschaft in der Kolonie hatte. Sie bringt es also zum dafür passenden Raum, wo ihre Fracht gleich schnell entgegengenommen wird; ein Danke empfängt sie nicht. Vielmehr muss sie auf dem deutlich kürzeren Weg, der sie wieder nach draußen führt, mit ansehen, wie ein paar ihrer Nachbarinnen, die zwischenzeitlich das Zeitliche gesegnet hatten, von anderen weggeschafft werden. Eine kleine Kammer haben sie dafür in der Kolonie. In diese werden all die verscharrt, die sterben, deren Seelen schon verloren sind. Diese Kammer stinkt daher vor sich hin und verbreitet meist im gesamten Gebäude ihren stechenden Geruch, die Einwohnerinnen stören sich daran aber nicht. Auch unsere kleine Arbeiterin lässt sich von den Leichnamen nicht aufhalten. Schnellen Schrittes verlässt sie also die Kolonie. Sie geht dem Sinn des ihr bereiteten Lebens nach, dafür ergeht es ihr natürlich wie ihren Nachbarinnen, was sie daran aber nicht hindert. Der Kolonie geht es gut.

III

"Was soll dieser Scheiß? Sie wollten sich doch darum kümmern!"

"Beruhigen Sie sich bitte, ich kann da so schnell nichts machen."

"Hä? Sie müssen hier ja auch nicht leben!"

"Aber arbeiten. Das stört mich doch mindestens genauso…"

"Achso… und wieso tun Sie dann nichts?"

"Verstehen Sie doch bitte. Ich hab mich schon erkundigt, aber da lässt sich jetzt so schnell nichts machen."

"Hä?"

"Ja wegen dem Wetter und so, da gibt es das in recht vielen Häusern, allein hier bei uns, da sind noch mindestens 'n Dutzend weitere Wohnungen betroffen."

"Na und? Ich habe Sie doch schon vor drei Wochen kontaktiert. Drei Wochen! Mindestens…"

"Ich sag doch, dass ich mich darum kümmer', aber Sie sind nicht die Einzigste, die sich damit rumschlagen muss…"

"Ich weiß aber echt nicht, was ich da noch tun soll! Ich kann kaum noch schlafen oder gar arbeiten; entweder krabbelt mir etwas über mein Gesicht, oder mindestens mal über meine Schreibunterlagen. So geht das doch nicht."

"Ich sage doch…"

"Sie sagen viel! Machen Sie doch auch was, oder soll ich mich nochmal beschweren?"

"Ich… ich kann doch auch nicht mehr tun, als eine Beschwerde einzureichen und den Fachmann zu kontaktieren… was mein'n Sie, was soll ich tun?!"

"…Tun Sie einfach was, verdammt!"

"Ja… ich…"

"Ach… wenn am Montag noch irgendwas krabbelt… ich sage Ihnen…"

"Ich versuch das Beste -"

IV

Am Morgen musste ich dann leider zur Polizeiwache, sie haben mir da wohl irgendwelche Fragen stellen wollen. Das hat mich in der Grundsache schon ganz schön zur Verwunderung gebracht, denn ich sollte zum Beginn erst einmal genauer meine Person erklären. Da erklärte ich selbstverständlich, dass ich eine Studentin sei, Lehramt für Deutsch und Religion, dass ich in der Wohnung neben ihr wohne und mit ihr relativ viel unterwegs gewesen sei, ich eine ihrer wenigen Freundinnen und Bekannten wäre. Der Wachmann hat mir dann erklärt, dass die Vermutung bestände, sie sei nicht durch einen Unfall verstorben. Ich konnte das nicht verstehen, wie… heißt dass, sie wäre dann ermordet worden? Er erklärte mir, es könne ein Suizid, ein Selbstmord gewesen sein.

Der Wachmann stellte daraufhin recht seltsame Fragen. Ich saß in dem kleinen Raum, an seinen Schreibtisch hat er einen Stuhl für mich geschoben. Ich konnte nicht in seine Augen gucken, sie waren so starr - mir ist ehrlich gesagt, ich bin zwar recht aufmerksam, nicht aufgefallen, dass er auch nur einmal gezwinkert hat. Daher ging ich seinen Blicken stets aus dem Weg. Dabei habe ich relativ lange, besonders wenn ich ihm seine Fragen beantwortete, die Wand und das dazugehörige Gemälde betrachtet. Es zeigt die See und könnte das Coverbild zum Schimmelreiter sein, denn ein Reiter reitet über den Strand; nur die Ostseebunkerruinen passen nicht zum Inhalt der Novelle.

Ich habe dem Polizisten von meiner Freundin erzählt, doch seine Fragen wurden bald sehr persönlich. Auf dieser Ebene hatte ich jedoch nicht häufig mit ihr geredet. Ich wusste also nur zu antworten, dass sie auch studierte, Jura in irgendeiner Sondervariante, dass sie seit einiger Zeit keinen Kontakt mehr zu ihren Eltern hatte, dass sie Einzelkind gewesen sei und ihre einzigen Freundinnen und Freunde ein paar Mitstudentinnen und -studenten waren. Danach durfte ich dann endlich das düstre Gebäude verlassen und bin vorerst nach Hause gegangen.

Dort erhielt ich aber schon bald einen Anruf eines Anwalts, welcher wissen wollte, ob ich bereit wäre mich um sie zu kümmern und ihre Trauerfeier und den letzten Weg mitzugestalten, ihnen fehle es an anderen engeren Freunden. Außerdem bat er mich dann noch, auf den Hund aufzupassen, er hat nun immerhin sein Frauchen verloren. Ich erklärte mich zu beidem bereit; das gehört sich doch eigentlich so, auch wenn ich bei der Sache mit der Trauerfeier ein etwas schlechtes Gefühl habe…

Trotzdem bin ich noch an dem Tag, nachmittags gegen vier Uhr, zum Bestatter gegangen und habe dort ein paar erste Unterlagen erhalten, mit welchen ich mich noch immer beschäftige. Ich kannte die Prozedur zwar schon, doch dass diese auch hier wieder so belastend und anstrengend ist, hätte ich nicht gedacht. Wieso muss es so etwas geben? Diesen Tod? Ich werde es wohl nie verstehen…

V

Das kleine Rehkitz rennt. Es rennt so schnell es kann, denn was es gerade erlebt hat… es weiß nicht, was das war. Ihre Familie?! Ihre Mutter ist mit ihnen durch den Wald gerannt, eine Straße führt durch diesen. Schon häufig haben sie diese überquert. Schon einige Male ist es gut gegangen - heute nicht. Das Rehkitz hat überlebt, die Mutter und das kleine Geschwisterchen nicht, tot sind sie. Nun rennt das Rehkitz nur noch, es rennt so schnell es und rennt somit durch den Wald, rennt auf bisher kaum begangenen Pfaden. Es begreift noch immer nicht und vor den Augen flimmern die Bilder der letzten Minuten.

Auf einer Lichtung, fern ab jeder Straße hält es inne und fällt auf den matschigen, kalten Boden. Die Bilder kommen immer wieder - wie soll das Kitz dies verarbeiten, wie soll es das verstehen. Vor die Augen fliegen die Bilder der hellen Scheinwerfer, die Bilder der über das Monster fliegenden Mutter, die Bilder des zur Seite geschmissenen Geschwisterchens, die Bilder des durch die Luft fliegenden Blutes; durch die Ohren schallen das Klirren der Scheiben, das Scheppern des Metalles, das Quietschen der Reifen und Quietschen der anderen.

Das Kitz wird nach einiger Zeit des Verweilens aufgeschreckt, als durch den Wald das laute, lärmende Geräusch eines Krankenwagens hallt… Was soll es tun? Wo ist ihre Familie?

VI

Nur durch ein Kerzenflimmern ist der alte Holztisch erhellt. Die Flammen spiegeln sich auf der glatten, nur von Luftbläschen unterbrochenen Oberfläche des dunkelbraunen Tees. Das Licht macht die Wellungen in der Zeitung sichtbar, die Luftfeuchtigkeit hat das Papier schon im Briefkasten alt aussehen lassen. Ein Mann sitzt an dem Tisch. Seine eine Hand ruht neben der Zeitung, zu einer Faust ist sie gerollt; die andere erhebt sich nur gelegentlich um die Tasse zum Mund zu befördern. Der Mann hat einen gebannten Blick auf die aufgeschlagene Seite der Zeitung. Einen ausdruckslosen Blick, einen emotionslosen Blick.

Sein alter Schulfreund ist tot. Wieso? Ein Wildunfall, Rotwild, die Landstraße vor seinem Heimatdorf, ein Kreuz an der Straße erinnert an ihn. Er wollte noch ausweichen, verriss das Steuer und nahm den nächstbesten Baum mit, eine Linde, so heißt es. Wieso? Warum er? Er fährt immer so achtsam; er fuhr, muss es jetzt heißen. Nun ist er verstorben. Eine Anzeige hat seine Familie in die Zeitung gesetzt, der Arbeitgeber auch… die Firma trauert um einen ihrer eifrigsten Mitarbeiter; ja, das war er. Er hat immer viel gearbeitet und immer das Beste versucht, nun ist er verstorben.

Die Beisetzung findet im engsten Familienkreise statt. Da will er auch gar nicht hin; Bestattungen mag er gar nicht leiden, schon seit seiner Jugend. Diese blöde Stimmung, diese andauernde Trauer, die nervt ihn. Als ob die Verstorbene eine weinende Menge will, als ob der Verstorbene all seine Freundinnen und Freunde in Schwarz sehen will. Sollte man beim passenden Anlass nicht ein Fest feiern, ein Fest zu Ehren der Verstorbenen, ein Fest für den Verstorbenen, sich an die schönen Zeiten zurückerinnern und an all die Erlebnisse, als in diese Trauer zu zerfallen.

Gern würde er so denken, leider kann er es gerade nicht. Wenn er an die Kinder seines Schulfreundes denkt, an ihre gemeinsame Schulzeit; es ist schon schwer. Letztlich schlägt er die Zeitung zu und legt sie auf die Kommode, die Tasse schiebt er mittig vor sich und fokussiert sich auf das noch etwas schwankende Getränk. Die Tasse ist fast leer. Oh… die Kerze müsste gleich erneut auf den Tisch tropfen. Als er auf die Uhr schaut, stellt er überrascht fest, dass er sich schon bald auf den Weg machen müsste. Mal sehen…

VII

Seit fast zwei Jahren lebt sie nun schon, ein für sich glückliches Leben hat sie bisher, doch das hat sie vermutlich noch nicht begriffen. Mittlerweile weiß sie, dass es schlechte und gute Orte zum Leben gibt. Abwechslungsreicher ist es draußen, sicherer, warm und gefahrloser ist es eindeutig drinnen. Meistens ist sie jedoch draußen und baut sich hier ihre kleinen Fallen auf, nimmt jede Beute gern entgegen und begibt sich nur nach drinnen, falls ihre Unterkunft zerstört oder ungemütlich werden sollte. Sie lebt lieber draußen, wie es eben so ist; wie es die Natur will.

Wie es die Natur will, hat sie aber auch einige Feinde, wie sie selbst auch ein großer Feind ist. So hat sie in ihrem Leben schon viel töten müssen, sie muss sich ernähren. Allein schon, wenn sie sich wieder drinnen eingerichtet hat, dann kommt ihr schon recht häufig die Möglichkeit, kleine Festessen zu sich zu nehmen, das freut sie immer besonders - das würde sie immer besonders freuen, soweit sie etwas empfindet. Zumindest hat sie eine recht gute Ernährung.

Es ist wieder kalt und wüst geworden, sodass sie sich erneut eine warme Wohnstätte sucht. Ihre Wahl fällt auf einen ganz ungewohnten Raum: Durch einen kleine Spalt konnte sie in ein feuchtes, warmes Zimmer gelangen; zwischen den Fugen der Fliesen baut sie sich ihre liebgewonnene Konstruktion und nimmt den üblichen, zentralen Platz ein. Mal warten, was so auf einen zu kommen mag.

VIII

Die Studentin öffnet die schwere Holztür, die sich neben der rosenumrankten, hervorkragenden Fensterscheibe des backsteinernen Gebäudes befindet. Da sie einen Termin vereinbaren konnte, sind eine Mutter mit ihrem Sohn gerade dabei, sich zu verabschieden und daraufhin das Gebäude zu verlassen. Sie wird gebeten Platz zu nehmen, worauf sie sich auf einen bereitstehenden Sessel setzt. Nach einer kurzen, eher banalen Unterhaltung, steht der grauhaarige Mann auf und geht zu einem großen Schrank. Während er diesem ein paar große, ledergebundene Bücher entnimmt, betrachtet die Studentin die Einrichtung des Raumes. Gemütlich ist er gestaltet, eine Sofaecke, viele verschiedene Pflanzen, ein paar knochige Bonsai, ein großes Gemälde an der Wand - ein verschneiter Waldweg, an welchem Ende die untergehende Sonne rötliche Strahlen warm aus dem Wald leuchten lässt. Durch eine große Flügeltür kann die Studentin einen Blick auf den dahinterliegenden mit Stichen und Radierungen behangenen Gang werfen, an welchem Ende sich erwidernd eine Flügeltür befindet.

Die edlen Bücher entpuppen sich nach kurzer Zeit als einzigartig gestaltete, mit verschiedenen Blättern gefüllte Ordner. Der ältere Herr stellt die verschiedenen Varianten und Ausführungen vor, fragt die Studentin nach den Vorlieben ihrer Freundin, nach ihrem Geschmack, ihren vielleicht geäußerten Wünschen. Seine warmherzigen Augen wirken vertraut, als die Studentin diese unter den kräftigen Augenbrauen hilflos betrachtet. Der Mann lässt sie mit den Ordnern allein und kehrt nach kurzer Zeit mit Tee, Kaffee und geschnittenen Äpfeln zurück.

Nach einer gewissen Weile - die Sonne verschwindet allmählich hinter den Giebeln der Fachwerk- und Backsteinhäusern - verlässt die Studentin das Gebäude. Müsste sie doch eigentlich niedergeschlagen sein, ist sie doch recht zufrieden. Ihre Entscheidungen müssten gut sein, ihre Freundin würde sich freuen. Schade, dass es soweit, so schnell soweit kommen musste.

IX

Draußen ist es langsam wirklich ungemütlich geworden, sodass der Wind einem nur so um die Ohren fliegt. Es empfiehlt sich allgemein, eine Mütze zu tragen, doch auch das nützt wenn nur den Menschen - die Tiere sind dem schrecklichen Schietwetter ausgesetzt. Besonders kleinere Tiere suchen bei diesem Wetter den besten Unterschlupf, nicht selten kommt es dann zu unliebsamen Einbrüchen in scheinbar gut verriegelte Häuser. Häufig trifft man dann Spinnen in den vier Ecken der Zimmer und in allen Winkeln des Hauses. Wenn die kleinen Tierchen des Abends durch das Wohnzimmer huschen, so kommt es nicht selten zu einem lauten Geschrei.

Hund mag spinnen, Hund mag es besonders die Spinnen zu verfolgen, auch wenn sie irgendwie immer so schnell weggerannt sind und ein kleiner Hund kaum Schritt halten kann, ohne dabei die gesamte Einrichtung über den Haufen zu werfen. Frauchen mag keine Spinnen, sie wird dann immer sehr böse, meist geht sie dann sogar so weit, dass sie schnell den kleinen Handstaubsauger anschmeißt. Dann wird es stets sehr schlimm. Hund tötet die Spinnen nur selten - Frauchen immer. Mit dem Rohr nähert sie sich der Zimmerecke und stellt dann den Staubsauger an, woraufhin die Spinne mitsamt ihrem Netz durch das Rohr geschleudert wird.

Die acht kleinen Beinchen werden meist schon durch die Riffelung des Rohres abgeschlagen oder zertrümmert. Der zerbrechliche Körper des nunmehr hilflosen Tieres wird in seine Einzelteile aufgeteilt, wird zerrissen und zertrennt. Es ist kaum vorstellbar, aus wie vielen Gliedern so ein winziges Tierchen besteht, allein schon die Beine sind eine wunderbare Konstruktion, wenn man bedenkt, wie flink sie den im Vergleich schweren Körper über die außergewöhnlichsten Oberflächen befördern kann. Die Staubsaugerspinne kann von solchen Bewegungen nun nicht einmal mehr träumen, denn, so hat es Frauchen gewollt, ihr Körper hat es nun in Stücke gespalten.

X

Die Sonne scheint über die grüne Kuppe des Nordseedeiches. Die weißen Schafe stehen und liegen auf diesem Deich; seit einigen Generationen tun sie dies schon Tag und Nacht. Es geht ihnen sichtlich gut dabei, denn - auch wenn das Wetter häufig sehr mies ist - es ist ein schönes, gemütliches Leben auf ihrem Deich. Es gibt immer genug Gras zum Essen, immer die beste und frischste Seeluft, und am Fuße des Deiches findet sich ein kleines Rinnsal mit feinem Wasser.

Es ist die Zeit gekommen. Es werden immer mehr. Zwischen die Schafe gesellen sich fast täglich kleine Lämmer. Auch heute scheint es wieder einmal so weit zu sein, denn eines der trächtigen Schafe fängt etwas kräftiger an zu blöken, jedoch nicht einfach nur zu blöken, sondern dies mit einem tiefen Seufer verbindend. Sie schabt mit den Hufen, sie fällt zu Boden auf die Knie, sie richtet sich umständlich und mühselig wieder auf. Dies wiederholt sie und bewegt sich dabei äußerst hektisch, schaut nach hinten, springt einen kleinen Schritt vorwärts und kniet sich hier wieder hin.

Endlich richtet sie sich mit den beiden hinteren Beinen auf. Das schmerzgeprägte Gesicht entspannt sich und das Schaf fängt an, sich sorgsam um ihr kleines Lämmchen zu kümmern, es zu reinigen und nach kurzer Zeit beim Aufrichten zu helfen. Dem Lamm geht es gut, sodass es sich für die nächste Zeit zufrieden und lebensfroh an seine Mutter hält und ihr bei jedem Schrittchen folgt.

XI

Die Studentin und ihr Freund, beide fiebern schon seit einiger Zeit auf diesen Tag hin. Nun ist es endlich soweit: 44 Tage nach der Geburt, so haben sie sich vorher geeinigt, soll ihr Kind getauft werden. Ihre Tochter, ihr kleiner Engel, wird nun getauft. An diesem ersten größeren Tag ist es all ihren Wünschen entsprechend: Der schmale Weg zum Eingang der Kirche ist vom Schnee befreit, die alten Gaslampen, die nur zu festlichen Anlässen auf dem Vorplatz entzündet werden, erhellen die Umgebung, wobei auch die ersten morgendlichen Sonnenstrahlen dabei unterstützend sind. Der edle, gotische Kirchenraum ist durch zahlreiche Kerzen auf eine angenehme Helligkeit gebracht, ein paar Pflanzen wurden auf den Wunsch der Eltern von dem alten Küster bereitgestellt. Die Eltern sind nun schon etwas früher da und unternehmen die letzten Vorbereitungen, ehe auch schon die ersten Gäste eintreffen. Die Tante ist natürlich mal wieder die erste.

Die kleine Taufgesellschaft nimmt allmählich Platz und mit einer geringen Verspätung beginnt dann auch der Gottesdienst. Während der Pastor die ersten, begrüßenden Worte spricht, schwenkt die völlig zufrieden aussehende Studentin ihren Blick über die dunkelgrauen, durch das Kerzenlicht flimmernden Pfeiler, über die weißlichen Wände, über die grauen Rosetten am gotischen Maßwerk über den farbenfrohen Fenster, über die vielverwendeten, alten Kirchenbänken, zurück auf den Pastor, welcher zum ersten Lied überleitet. Aus der leicht verstimmten Orgel erklingen die ersten melodiegebenden Töne.

Nun darf auch sie noch eine kleine Begrüßung sprechen - sie wechselt sich dabei aber mit ihrem Mann ab. Nach einem kleinen offenen Gebet und einem weiteren schönen Orgelstück, dem aufgehenden Mond, wie sie sich es gewünscht haben, folgt eine kleine Geschichte, die die Großmutter verfasst hat. Die Großmutter erzählt über ihre Taufe und ihren darauf folgenden Wandel im Glauben, ihre eigenen Entwicklung und bettet dies in eine kurze Erzählung, einer Art Fabel ein, womit sie ein bisschen sogar ihr gesamtes Verständnis vom Leben einbezieht; die Studentin ist jedes Mal auf das neue sehr verwundert!

Nach der Lesung und der Predigt, welche beiden der Pastor auf die Erzählung der Großmutter abgestimmt hat und somit hauptsächlich das Leben Johannes des Täufers und der darauf folgenden Entwicklung des Lebens Jesu betrachtet, geht es zum Lied vor der Taufe über. Die Studentin hat leider die Schwäche, dass sie bei Predigten meist schon schnell nicht mehr folgen kann. Sie denkt zwar mit, gerät aber gerade dadurch auf neue Pfade und denkt dann für sich selbst weiter, bezieht Gesagtes auf ihre eigene Situation und kann so den Anschluss an die eigentliche Predigt nicht mehr finden. So ergeht es ihr leider auch hier wieder, das Ende der Predigt kam für sie also ein weiteres Mal sehr überraschend.

Es geht zur Taufe über: Sie trägt ihren Engel mit ihrem Freund zusammen nach vorn, auch die Paten - die Tante und eine ewige Freundin des Freundes - kommen zum Taufstein. Der Pastor leitet die Zeremonie ein und beginnt das Glaubensbekenntnis, die eigentliche Taufe folgt darauf. Die Studentin strahlt die gesamte Zeit, selten war sie so glücklich; ihr bedeutet diese Taufe mehr als ihrem Freund, sie sieht es als eine Art Vollendung an, eine erste Vollendung ihres Lebens: Sie hat eine Tochter, einen Engel, ein Geschenk Gottes. In der Gemeinde ist es Tradition, dass der Taufspruch für das Kind vor Ort während des Gottesdienstes von den Paten oder auch von dem Kind aus einem Topf gezogen wird. Die Tante darf wählen und nachdem ihre Hand für einige Sekunden in dem alten Tontopf verschwand, der normalerweise in dem neugotischen Sandstein-Taufbecken eingelassen ist, reicht sie dem Pastor einen kleine Zettel. Dieser verkündet:

"Gehet hin; siehe, ich sende Euch als die Lämmer mitten unter die Wölfe.", Lukas 10,3.

Später, als gerade des Nachspiel des Organisten beginnt, denkt die Studentin über den Taufspruch nach… Ihr Gesicht wird immer dunkler, die glücklichen Züge werden starr, ihre fröhlicher Ausdruck dreht sich, die Augen schließen sich recht langsam…

Als sie sich vor zwei Jahren eine kurze Auszeit gegönnt hat, wurde sie Zeugin der Geburt eines kleinen Lämmchens. Sie ist an die Küste gereist, nachdem ihre Freundin gestorben ist und sie als nächste Angehörige ihren letzten Weg vorbereiten durfte. Sie ist zur Polizei gegangen, zum Bestatter und zum Pastor, sie sollte Fragen beantworten und die Trauerfeier, den Gottesdienst entsprechend gestalten. Sie war insgesamt am Boden zerstört, war verstört und völlig frustriert. Ihr Leben drehte sich in dem Moment nur noch im Kreis, sie konnte sich nichts mehr erklären. Sie nahm den Hund auf, der über den Tod des Frauchens nicht hinwegkam, er ist kurze Zeit später eingeschlafen. Die Polizei vermutete, es wäre ein Selbstmord gewesen, sie traute ihrer Freundin soetwas nicht zu - auch wenn sie vielleicht manchmal eine seltsame Stimmung hatte, sie konnte sich selbst immer gut wieder hochziehen. Sie begeht nie im Leben Selbstmord, sie würde sich niemals selbst umbringen.

Schon einmal musste sie an den Tod ihrer Freundin denken; als sie im Zimmer des alten Pfarrhauses, dem schnuckeligen Fachwerkbau neben dem Kirchhof, saß und sich mit dem Pastor über den Taufgottesdienst unterhielt, über den Ablauf und die Gestaltung redete, da fühlte sie sich in die Situation versetzt, wo sie sich über den Trauergottesdienst unterhielten. Sie brauchte in dem Moment dann eine kleine Pause, sie musste kurz nach draußen; ihr Freund konnte das nicht so recht verstehen, er wusste nur bruchstückhaft, was vor zwei Jahren mal war. Danach haben sie sich darüber unterhalten, er war etwas verwundert, denn er hätte seiner Freundin eigentlich nicht so viel Mut, so eine Gefasstheit zugetraut - letztlich war er dann sehr beeindruckt.

Die Studentin musste sich eine Auszeit nehmen und dem ganzen Stress, der in der Stadt wartete, entfliehen. Sie ist zur Küste gefahren und dort stundenlang am Deich herumgegangen, hat Storms Schimmelreiter gelesen und hat seit langer Zeit mal wieder ihre Bleistifte für Zeichnungen in die Hand genommen. Dann hat sie sich wieder konzentrierter dem Studium gewidmet. Die Gedanken an ihre Freundin hat sie jedoch nicht verdrängt, auch wenn sie somit gelegentlich wieder in Phasen der Zerdrücktheit verfällt, sie denkt an viele schöne Erlebnisse zurück, an die vielen Gespräche, Witze und gemeinsamen Tage - das wird sie bestimmt nicht vergessen wollen. Mit diesen Gedanken kommt aber auch immer wieder diese eine Frage in ihren Sinn: Wieso? Wieso muss sowas geschehen? Wieso kam es dazu? Wieso ausgerechnet sie? Sie findet keine Antwort…

Es gibt schon einige Möglichkeiten, neben dem Freitod, weshalb ihre Freundin gestorben sein könnte. Eine absurde Idee wäre, dass sie die Treppe herabgestürzt ist, weil sie versucht hat, ein Krabbeltier, eine Spinne oder vielleicht auch eine der vielen Ameisen zu töten - immerhin: einer ihrer Schuhe lag noch auf der Mitte der Treppe, vielleicht hat sie versucht, mit diesem das Tier zu treffen. Es wäre eine recht wahrscheinliche Möglichkeit, denn die Studentin weiß von einigen Malen zu berichten, wo ihre Freundin mit seltsamen Kunststücken die Spinnen in den Ecken getötet hat, manchmal sogar mit dem Staubsauger, meistens aber mit irgendwelchen Zeitschriften.

Eine andere Möglichkeit wäre ja auch, dass sie einfach nur gestolpert sein könnte… aus der Orgel erklingen langsam leiser werdende Töne, das Nachspiel endet. Sie schüttelt ihren Kopf und öffnet ihre Augen - wieso muss sie denn nun über das alles nachdenken? Wieso?

Als wolle ihr kleiner Engel antworten, macht er nun ein kleinen Laut. Sie blickt zu ihrer Tochter, welche dem Blick mit einem strahlenden Lächeln entgegnet.

Ende.

FREIES VERLAGSHAUS
Göttingen, 2018