So gegen neun Uhr morgens macht sie sich auf den Weg. Sie muss ja jeden morgen den langen Weg zur Schule machen. Der Unterricht beginnt immer um zehn Uhr und sie unterrichtet in der kleinen Dorfschule alle Fächer außer Religion - das macht ja der Herr Pastor. Heute morgen hat sie sich auf den Geographie-Unterricht vorbereitet: Die Schüler und Schülerinnen sollen heute die Ostfriesischen Inseln kennen und auswendig lernen. Jeden Morgen muss sie knapp 40 Minuten zu Fuß gehen, damit sie an der Dorfschule ankommt. Häufig hat sie sich schon aufgeregt, dass ihr die Schulbehörde ein Haus, so weit außerhalb des Dorfes besorgt hat, doch da kann sie ja auch nichts ändern. Aber der Weg zum Dorf ist wenigsten ganz schön: Eine Lindenallee. Nur bei Regen und Gewitter lässt sich der matschige Weg nicht gut gehen. Als sie am Dorfplatz ankommt ist sie ganz verwundert: Keine Kinder sitzen und spielen vor dem zweigeschossigen Fachwerkhaus, das seit Jahrzehnten als Schule dient. Sie ist es eigentlich gewohnt, dass sie sich zur großen Tür des Hauses durchkämpfen muss, da die vielen, fast an die 50 Kinder wild am Toben sind. Heute steht aber keiner vor der Tür. Keiner ist am Toben, keiner am Spielen, keiner am Springen, Lesen, Singen... Ganz verwundert geht sie an die Tür, vielleicht sind die Kinder ja schon im Haus. Da fällt ihr auf, dass ein weißer Briefumschlag auf der flachen Sandsteinstufe liegt.

"Guten Morgen.
Wir müssen Sie darauf hinweisen, dass Sie von der Reichsschulbehörde sofortig vom Dienst entlassen sind. Den Unterricht an Ihrer Schule wird vorübergehend von einer Ersatzlehrkraft übernommen. Informationen zum Grund Ihrer Entlassung werden Ihnen, Ihrer aktuellen Situation wegen, vorbehalten. Bitte gehen Sie heim und bemühen Sie sich um eine Anstellung in der Munitionsfabrik Kleihem. Sie sind dort bereit beworben. Jegliche Anstellung wird gerichtlich verfolgt. Vielen Dank für Ihre Gehorsamkeit,
gez. Herr T. F. Schmiedte,
Reichsschulbehörde"


Während sie den Brief liest, sinkt sie immer weiter zu Boden, sodass am Ende des Briefes auf der Stufe sitzt. So bleibt sie da für einige Minuten sitzen, ehe sie den Schlüssel aus ihrer Tasche holt und die Tür des Schulgebäudes aufschließt. Als sie gerade die Tür betreten will, hört sie die Stimme der kleinen Christina: "Frau Lehrerin! Wieso haben wir denn heute keine Schule?" Sie bleibt stehen und kniet sich zu der kleinen Christina: "Das weiß ich auch nicht so richtig, wo sind denn die ganzen anderen Kinder?" - "Die sind doch alle heim gegangen, so wie's der Mann gesagt hat." - "Welcher Mann?" - "Dieser Herr in dem schönen Anzug. Der hat gesagt, dass Sie heute nicht kommen und wir deswegen keine Schule haben. Aber jetzt sind Sie ja da, also haben wir ja jetzt doch Schule." - "Christina. Geh doch bitte nach Hause. Ich werde euch nicht mehr unterrichten dürfen. Aber es kommt sicherlich bald ein ganz netter Lehrer, der euch sicherlich ganz viel beibringen kann!" - sie lächelt - "Aber... Frau Lehrerin..." - "Geh jetzt heim. Auf Wiedersehen, Christina!" - "Auf Wiedersehen..."

Die kleine Christina verlässt das Haus und biegt in die Kirchgasse. Die Lehrerin geht an ihren Tisch und holt einige Unterlagen aus den Fächern. Dann geht sie zu dem Bücherschrank und nimmt noch das alte Lesebuch mit. Sie wirft noch einen letzten Blick auf die alten, dunkelbraunen Schulbänke, auf den alten Lehrertisch, auf die große, farbige Wandkarte und auf die vielen Tier- und Pflanzenbilder. Dann verlässt sie nach über 30 Jahren zum letzten Mal den Raum, geht die Diele zur Tür, nimmt noch die Zeitung aus dem Kasten und schließt dann die große Tür ab.

Nach fast 50 Minuten kommt sie an ihrem Hof an. Auf dem kleinen Platz vor dem Haus, direkt neben dem Kastanienbaum steht ein schwarzer, edler Wagen. Als sie die Küche betritt, sieht sie den Mann in dem schönen Anzug auf dem Stuhl am Esstisch sitzen. Er hat sich ein Brot geschmiert. Vor ihm liegt ein Brief.

FREIES VERLAGSHAUS
Göttingen, 2018