Als eines Morgens die Arbeiterfamilien, die Fischer, die Kinder, ja gar der Lehrer und der Pastor in ihren Betten lagen, macht sich der Arbeiterjunge Jon in seiner kleinen Baracke fertig. Eigentlich fängt er schon jeden Tag früh morgens an, Lumpen zu sammeln, Müllberge zu durchwühlen und nach Nahrung zu betteln, um nachmittags in die nahe Fabrik zugehen, damit er mit dem Herstellen von Dampfmaschinen ein bisschen mehr Geld verdient.

Doch an diesem Morgen zieht er sich ein Tuch über den Hals, setzt sich einen alten, in der Gosse gefundenen Hut auf, zieht sich zerfetzte Handschuhe an. Er nimmt seinen alten schwarzen Mantel, den er vor Jahren vom Pastor geschenkt bekommen hat, und verlässt das Haus. Er sieht so düster, vermummt aus, dass er sein eigenes Spiegelbild nicht erkennen würde. Er nimmt noch das alte Messer mit und geht auf den matschigen Weg - die letzte Nacht hat es stark geregnet.

Es war ein schöner Morgen. Die aufgehende Sonne schimmert rötlich durch die mager belaubten Baumkronen der Apfelbäume. Der Junge geht mitten auf dem Weg Richtung Ort. Er verlässt die Barackensiedlung und schreitet nun an den ersten Arbeiter- und Fischerhäusern vorbei. Auf dem Dorfplatz angekommen, bleibt er vor der großen Kirche stehen. Er betritt den Kirchraum und geht zum Altar. Dort verbeugt er sich und bleibt ein paar Minuten still stehen. Dann geht er mit ernstem Gesicht aus der Kirche raus, und begibt sich in die Mannerstraße. Vor einem großen Tor hält er inne.

Er wartet eine Weile, ehe er den mächtigen Garten mit der großen Lindenallee betritt. Es war der Gutshof des kleinen Adels von Sieberiks. Er geht den gepflasterten Weg entlang, schaut kurz nach links und rechts zu dem kleinen Teich und einer edlen Gartenlaube, ehe er die massive, dunkle Haustür des villenähnlichen Hauses erreicht. Das Anwesen besitzt drei Stockwerke und eine ganze Reihe Fenster. Nun steht der Junge vor der Tür, zieht das Tuch bis über die Nase, den Hut bis knapp über den Augen. Den Kragen des Mantels legt er nach oben, sein Messer nimmt er aus der Tasche.

Dann stellt der Junge fest, dass die Tür des Hauses verschlossen ist, also geht er zum ersten Fenster. Es gehört zu einem kleinen Abstellraum. Er schlägt eine Parzelle des Fensters ein. Das Klirren des Glases schallt durch den kleinen Wald des Anwesens, dann öffnet er schon das Fenster und klettert in den kleinen Raum. Als er den Raum verlässt, findet er sich in einem langen Gang wieder. Am Ende des Flures findet er eine Tür, die zum großen Salon führt. Er betritt den Saal, der mit einer Sofaecke, einem mächtigen Kamin, und einem noch eindrucksvolleren Kronleuchter ausgestattet war. An der einen Wand des Saales steht ein großer Wandschrank mit mehreren Vitrinen und einem großen Bücherregal.

Der Junge schaut sich einige der Bücher an, öffnet eine Vitrine und begutachtet eine schmuckvolle Dose. In der Dose befindet sich eine Handvoll Schmuck, diamanten, golden, kostbar. So fasziniert von seinem Fund, bemerkt er nicht, dass der Herr von Sieberiks die Tür des Saales öffnet. Von Sieberiks hat den Lärm gehört und ist aufgeweckt. Nun steht er mit einem Vorderlader - aus dem Krieg von 1871 - in der Tür des Salons und beobachtet den Jungen. Dieser ist gerade dabei einige Ketten und Armreife in seine Taschen zu verfrachten, als der von Sieberiks laut brüllt und sein Gewehr lädt. Der Junge erschreckt und lässt die Dose fallen, er will nach seinem Messer greifen, um sich zu wehren, doch von Sieberiks zuckt mit seinem Finger, löst den Vorderlader aus - das Blei fliegt durch den Raum, der Knall hallt durch das standhafte Gemäuer, die Ladung trifft den Jungen im Bauch, durchstößt den Körper und verursacht ein Loch in der Vertäfelung des Salons.

Der Junge fasst sich an die Wunde und sagt nur noch "Ich wollt...", dann fällt er zu Boden. Der Körper kracht auf die Holzdielen, die Bilder seiner Baracke sausen vor seinen Augen entlang. Er sieht seine längst an Krankheit verstorbene Familie, seine Eltern, sein Hab und Gut; dann ein Licht - eine Wiese mit einem Apfelbaum; die Sonne strahlt durch die Baumkronen, die Vögel singen ihre Lieder. Seine Augen starren auf die Füße des von Sieberiks.

Von Sieberiks geht auf den Jungen zu und nimmt ihm den Schmuck aus der Manteltasche. Durch dem lauten Knall ist das Hausmädchen aufgewacht. Dieses steht nun in der Tür und wartet auf ihren Herrn. Von Sieberiks schickt sie nach dem Polizeibeamten und nach dem Pastor. Das Mädchen kommt nach einer viertel Stunde mit beiden zum Anwesen zurück. Sie gehen in den Salon.

Nach einer Weile kehren der Pastor und der Beamte aus dem Haus in das Dorf zurück. Der Pastor geht zum Tischler, welcher doch bitte einen einfachen, günstigen Sarg bauen solle; der Beamte holt eine Kette aus seiner Jackentasche. Mit einem Tuch wischt er das restliche Blut von seinem kleinen, wertvollen Lohn. Zwei Gesellen tragen den Jungen in einem Bettlaken aus der großen, mächtigen Tür des Hauses heraus, sie lassen ihn draußen auf dem Weg neben dem großen Tor liegen; das Mädchen wischt den Boden und den Schmuck, und stellt die Dose wieder in die Vitrine. Der Herr von Sieberiks setzt sich in den Sessel und blättert in einem schmucken Buch.

Gegen acht Uhr beginnen die Arbeiter ihre Arbeit im Hafen, die Fischer kehren von der See zurück, der Pastor bereitet eine Predigt vor und für die Kinder beginnt der alltägliche Schultag. Am nächsten Tag wird der Junge im kleinen Vor-garten seiner Baracke beigesetzt.

Und heute? Heute ist seine Baracke hinter dem verwilderten Vorgarten versteckt, vielleicht auch schon zerfallen. Niemand fragt mehr nach dem Jungen, niemand sucht mehr nach dem Haus; nur die Vögeln interessieren sich für das kleine Grundstück, für die Apfelbäume, für den beschaulichen Garten, vielleicht auch für den armen Arbeiterjungen.

Ende.

FREIES VERLAGSHAUS
Göttingen, 2018