"Seit zehn Tagen isser nu schon auf See... Wann'a wohl ma wieder kehrt?" Gedankenverloren schreitet sie über den matschigen Weg. Seit vielen Tagen hat es nun nur noch geregnet. Auch heute hat es noch keinen einzigen Sonnenstrahl gegeben. Unaufmerksam geht sie den Weg entlang. Kein Auge hat sie für den Boden, für den Himmel oder für überhaupt irgendetwas außer ihren eigenen Gedanken. Doch eigentlich muss sie eh nicht mehr auf den Weg achten. Immerhin geht sie jetzt schon seit fast 50 Jahren jeden Morgen diesen Weg ins Dorf und jeden Abend den gleichen Weg wieder heim.

Das Leben macht ihr schon immer Spaß. Trotz diesem ekeligen Regen, dem ständigen Sturm und dem viel zu häufigem Hochwasser ist die Küste für sie doch die beste und einzigste Heimat. Viel Leid hat sie schon ertragen müssen: Die große Flut vor ein paar Jahrzehnten, wobei das halbe Dorf zerstört wurde; die paar Hungersnöte und Ernteausfälle; die vielen Krankheiten; ... Trotzdem macht ihr das Leben doch jeden Tag aufs Neue viel Spaß. Das hilft ja auf ihren vielen Mitmenschen: Auf dem Dorfmarkt am Samstag sind sie immer alle froh, wenn sie wieder mit der "Glücklichen Alten", wie sie ja schon von allen genannt wird, reden durften. Auch der Herr Pfarrer, bei dem sie seit über 30 Jahren arbeitet und jeden Sonntag beim Gottesdienste hilft, ist in ihrer Gegenwart immer zufrieden. Doch irgendwie hat sie seit heute morgen schon ein ganz schlechtes Gefühl. Eigentlich müsste ihr Mann bald mal wieder nach Hause kommen. Die Fahrt sollte ursprünglich nur eine Woche dauern, doch irgendwie ist das Schiff noch nicht wieder eingetroffen. Ihr Mann müsste eigentlich auch schon nicht mehr arbeiten, doch kann der alte Seemann nicht mehr als ein paar Wochen an Land bleiben. Dann sucht er sich immer irgendein Handelsschiff und fährt mit in irgendeinen Hafen und kommt dann nach ein paar Tagen mit dem nächsten Schiff wieder zurück. Meist pendelt er sowieso nur zwischen irgendwelchen Nordseehäfen. In der Regel macht sich die "Glückliche Alte" keine Sorgen um ihren Mann, doch aus irgendwelchen Gründen ist sie schon seit heute morgen verunsichert und macht sich andauernd Gedanken über ihn. Doch nun kehrt sie ja nach Hause zurück. Vermutlich wartet er ja ohnehin schon zu Hause am Tisch und trinkt da seinen Tee über irgendeiner Storm-Geschichte, so wie sie ihn halt kennt, wenn er mal nicht auf hoher See ist. Nachdem sie die letzte Brücke überquert hat, biegt sie auf ihren Hof. Außer das die Pfützen allmählich zu kleinen Bächen werden hat sich dort aber seit heute morgen nichts verändert. Auch das ersehnte Licht in der Küche brennt nicht.

Als sie die Haustür aufschloss fällt ihr ein kleiner Brief auf dem Fensterbrett auf. Sie guckt ihn kurz an, nimmt ihn mit in das Haus und setzt sich in der Küche gleich auf den Stuhl. Aus Hamburg kommt der Brief, vor drei Tagen gestempelt. Vorsichtig öffnet sie den Brief...

"Hallo Liebling,
ich hab gute Arbeit auf einem Schiff nach Amerika gefunden. Ich werde wohl leider erst im nächsten Jahr heim kommen. Mach dir doch bitte keine Sorgen und bleib unsre Glückliche Alte. Ich werde dir in hoffentlich in ein paar Wochen von drüben einen Brief schreiben, sowie ich denn dazu kommen werde. Mach dir keine Gedanken, mir wird es schon gut gehen.
Du wirst von mir hören.
Dein treuer Mann."


Sie legt den Brief auf die Kommode. Dann setzt sie sich wieder auf den Stuhl und wartet einige Minuten. Dann steht sie auf und geht zum Ofen, macht ihn an und bereitet dann den Tee vor. Während der Tee zieht geht sie zum Bücherregal ihres Mannes und sucht sich ein Buch heraus. In ihrem Sessel fängt sie an zu lesen, doch wie jeden Abend schläft sie nach ein paar Seiten ein. Der Tee zieht weiter vor sich hin...

Ende.

FREIES VERLAGSHAUS
Göttingen, 2018